Die Unbekannte

Donnerstag, 27. November 2008 at 0:51 (Geschichten) ()

Der Tag war ein verregneter, grauer Novembertag. Ich stieg gerade aus dem Bus am Bahnhof, da sah ich dich. Ein Mädchen, kaum 25, in einem dünnen Wollmantel mit blauem Schal.
Du hattest dich kurz an die Haltestelle gesetzt und schminktest eilig deine Wimpern mit schwarzer Tusche nach. Dann stecktest du den Handspiegel in deine Jackentasche und hobst die schweren Tüten vom Boden auf. Sie hatten in deinen Fingergelenken vermutlich schon blaue Druckstellen hinterlassen. Du überquertest die Straße, bliebst stehen, um die Fahrräder vorbei zu lassen, und betratst das alte Gebäude des Bürgerbüros. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, um ihn vor dem Regen zu schützen.
Du sahst nicht unglücklich aus. Deine grauen Augen überflogen kurz die Strecke, und du gingst weiter.
Niemand außer mir sah dich an.
Wie lange lebst du schon dieses Leben, Unbekannte?
Ach, du wirst eines Tages Kinder gebären, sie werden wachsen und irgendwann im Streit sagen, dass sie dich hassen, und du wirst Gespräche mit ihren Lehrern führen. Du wirst immer bei Edeka an der Schlange stehen du wirst nie darüber nachdenken, warum alles so gekommen ist, wie es ist; du wirst nur darüber nachdenken, ob du das Abendessen zeitig schaffst.
Du trägst die Einkäufe, die Stehlampe, den Kratzbaum nach Hause; du stehst in überfüllten Bussen. Du liest Verträge, du wartest in Wartezimmern, du triffst Entscheidungen.
Niemand wird dir helfen. Und dabei werden deine Wimpern immer geschminkt sein.
Du wirst morgens eine halbe Stunde eher aufstehen, und Rouge auf deine blassen Wangen legen und zum Vorstellungsgespräch gehen.

Unsichtbare Heldin des Alltags.
Sie werden dich alle immer dafür bewundern, wie hübsch du bist; wie klug und fröhlich.
Sie werden vor ihren Freunden mit dir angeben.
Aber sie werden nie wissen, was du mit deinen zierlichen Händen tust.
Als ich dich sah, wollte ich dir ein kleines Denkmal aufstellen.

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Mein unsichtbarer Freund

Mittwoch, 26. November 2008 at 13:29 (Geschichten)

Ich habe einen unsichtbaren Begleiter.
Manchmal, wenn ich über die regennasse Straße gehe, lächle ich ihm zu, oder ich witzele, damit der Tag nicht so trüb wird. Manchmal ist mir, als hielte sich seine Hand.
Wenn ich Zeit mit meinen Freunden verbringe, lasse ich ihn meist unerwähnt. Muss ja nicht jeder wissen. Aber bei mir ist er trotzdem. Sogar wenn ich Angst habe, dass meine Freunde alle fortgehen. Sogar wenn die ganze Welt mich verlässt.
Er ist immer da.
Wenn nach der Party die Leute gegangen sind, wenn die Wohnung leer ist, ist er noch bei mir. Dann lehne ich mich traurig an seine Schulter und er streicht mir über den Kopf. Wer auch immer geht – er wird immer bei mir sein.
Er liebt mich. Ganz genau wie ich bin. Liebt mich unsterblich.
Wenn ich einen Fehler gemacht habe, sieht er mich streng an. Dann verstehe ich sofort. Ihm kann ich nichts vormachen, kann ihn nicht belügen, aber das will ich auch nicht. Denn ich liebe ihn auch sehr.
Nachts fühle ich auf meiner feuchten Wange seine warme, trockene Hand. Dann weiß ich, dass alles in Ordnung ist.
An einem freien Nachmittag gehe ich in die Kirche, dann setze ich mich in eine Bank und atme die Luft ein.
Dann sitze ich einfach nur da; ich sehe ihn an, er sieht mich an -
und sollen sich die Touristen wundern….

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