Das Erbe der Querdenker, oder: Wie eine Gruppe funktionieren kann.

Ich will hier einige sehr interessante Gespräche auf einen Punkt bringen, die ich mit verschiedenen, klugen Leuten auf dem Landesparteitag der Piraten NRW in Gelsenkirchen am gestrigen Tage geführt habe.

Zunächst muss ich voranstellen, dass mir die Veranstaltung sehr gefallen hat, da ich meinte, eine Atmosphäre der Hoffnung und der Zukunftsgewandtheit vernommen zu haben. Natürlich gab es hier und da ein wenig altes, böses Blut; Spuren von vergangenem Streit. Allerdings sprachen sich alle gleich aus: Wir müssen die Strukturdebatte hinter uns lassen und uns neuen Themen zuwenden. Wir müssen uns inhaltlich politisch beschäftigen, wir müssen umsetzen, woran wir glauben und warum wir eigentlich alle hier sind. Ich denke, das wird auch funktionieren.

Wenn ich ein Hindernis sehe, dann ist es eine Frage der Kultur, die in der ganzen Partei bundesweit in etwa ähnlich ist. Nämlich die Kultur des Mitdenkens. Das klingt furchtbar ironisch, dass ich das als Problem beschreibe, aber ich versuche es mal mit einer Analyse.

In der Piratenpartei sind Menschen versammelt, die alte Formen der Politik ablehnen und nach Neuem suchen. Es sind generell natürlich gesellschaftlich unzufriedene Leute, größtenteils intelligente und fast immer auch frei denkende Leute. Das sind Leute, die ihre eigene Meinung bilden und sich nicht von einem Herdentrieb leiten lassen. Hier liegen unsere großen Stärken. Aber auch unsere größten Schwächen.

Politik machen, heißt zum großen Teil Entscheidungen treffen. Wenn man eine Entscheidung trifft, nimmt man eine Alternative an und verwirft diverse andere. In einer Demokratie nimmt man die Alternative an, die die meisten Menschen annehmen wollen. An dieser Stelle geht in der Demokratie der Piratenpartei der Prozess aber erst los. Eine Mehrheit ist eben nie eine Ganzheit und es gibt immer Leute, die anderer Meinung sind. Das Schlimme an den Piraten ist ja, dass ihre andere Meinung zumeist auch fundiert ist. Wenn sie gegen etwas sind, dann aus Überzeugung und aus guten Gründen. Diese Gründe werden sie nicht müde, in die Debatte einzuwerfen, bis sie sie wenden. Wenn beide Seiten gute Gründe haben, feuern sie so lange aufeinander, bis ihre Meinung die der anderen verdrängt hat. Was fast nie passiert. Das Ergebnis ist, dass die Entscheidungsfindung lange dauert, am Ende gewinnt manchmal eine Seite, die andere lässt das Thema aber nie liegen. Weil wir zugleich sehr transparent sind, sieht die Presse nur, dass wir internen Streit haben. Um ein weiteres Thema.
Ich merke natürlich an, dass es sich hier um den worst case handelt, aber wir alle haben diesen Verlauf mehr als einmal beobachtet. Ich verweise hier auf die Liquid-Feedback-Debatte.

Aber was ist die Alternative? Wir folgen dem Beispiel anderer… Vereinigungen. Wir setzen ein paar kluge Leute in die Vorstände und die entscheiden Dinge. Und wenn sie fertig sind, hören wir uns ihren Beschluss an und setzen ihn um. So eine Partei funktioniert ziemlich reibungslos, die Entscheidungen sind schnell getroffen, und oft nichtmal schlecht. Gut, mit Demokratie hat das jetzt eher weniger zu tun.

Meiner Meinung nach ist ein gelungener Entscheidungsfindungsprozess ein Mittelding aus beiden Wegen. So weh es mir tut, das zu schreiben, aber in einer Gesellschaft ist eine Entscheidung auch immer die Entscheidung über einige Köpfe hinweg.  Einzelne Meinungen müssen im Alltag ständig übergangen werden. Entweder, weil sie nicht praktikabel sind, oder weil sie nicht ausgereift sind, weil sie schlechter sind, als ihre Alternativen, oder einfach nur, weil man in irgendeine Richtung gehen muss und die Mehrheit in eine bestimmte will.

Wie bleibt dabei die Vielschichtigkeit und Diversität der Piratenpartei eine Stärke? Wie bleiben dabei die Prinzipien dieser sehr flachen Demokratie unbeschadet?
Nun, vor der Entscheidungsfindung ist es an genau diesen Querdenkern, ihre Meinung zu vertreten. Das ist unentbehrlich wichtig. Einige wenige könnten recht haben, während die Mehrheit sich schlicht irrt. Dafür müssen sie öffentlich und schlüssig argumentieren. Über Artikel, Reden, ja, bishin zu Workshops bei komplizierten Themen. An den Querdenkern ist es, alle Mühe aufzuwenden und ihr ganzes argumentatives Pulver zu verschießen und dann zu schauen, was danach übrig bleibt. Entweder sie überzeugen die Mehrheit und behalten recht. Oder sie können die Mehrheit nicht überzeugen. Egal. Am Ende wird abgestimmt. Sei es ein Kreis- ein Landes- oder ein Bundesparteitag, oder auch nur, wo wir zu Mittag essen. Und danach muss der jeweilige Vorstand greifen. Er muss klar zeigen, dass die Entscheidung getroffen ist, und sie einig durchsetzen. Und der gescheiterte Querdenker, der (subjektiv) ja immernoch recht hat? Der muss sich an dieser Stelle anders verhalten, als bisher oft beobachtet. Ich appelliere hier einfach an menschliche Vernunft. Diese Entscheidung zu revidieren, auf einem gescheiterten Punkt herumzureiten wie auf einem toten Pferd, scheint mir einfach nicht der gangbare Weg zu sein.
Die Entscheidung zu akzeptieren und darüber nachzudenken, wie man sie in sein Konzept von Politik einbauen kann… inhaltlich weiterzuarbeiten, um seiner Vorstellung gerecht zu werden… das scheint sinnvoller.

Ich will eigentlich keine kontroversen Themen anschneiden an dieser Stelle, um nicht vom eigentlichen Inhalt abzulenken, aber das Beispiel kommt mir gerade gelegen. Kernis versus Vollies. Jene, die denken, wir sollten die Themen der Partei auffächern, gegen jene, die finden, wir sollten unseren Wurzeln und unserem Spezialgebiet treu bleiben. Angenommen, Du bist ein Back-to-the-Roots-Pirat und möchtest da arbeiten, wo Du die Stärken der Partei siehst: Internet, Transparenz, Datenschutz… Plötzlich entscheidet ein Bundesparteitag über Erweiterung der Themen. Die Medien nennen Dich “Sozialpartei”. Du bist unzufrieden.
Nach dem Vorschlag, den ich mache, schreibst Du nun keine wütenden Blogeinträge, sondern Du lächelst und nimmst die Entscheidung hin. Und dann beginnt die Arbeit. Deine Aufgabe in diesem Beispiel ist, Workshops und Kurse interner politischer Bildung zu geben in den Kernthemen. Positionspapiere zu verfassen. Vielleicht einen Netzkongress für auswärtige Besucher zu veranstalten. Datenschutzromane promoten. Also im Wesentlichen dafür sorgen, dass jemand anders sich vielleicht um soziale Themen kümmern mag, die Piratenpartei aber dennoch mit ihren Kernthemen stark und in der Presse präsent bleibt.

Auf diese Weise untergräbt man nicht die Entscheidung, man stellt sich nicht gegen sie, arbeitet aber dennoch in eine Richtung, die man für richtig hält. Ich denke, in den meisten Situationen lassen sich solche Auswege mit etwas Kreativität finden. Das wichtigste dabei bleibt der Gedanke, dass man sich freiwillig einer Gruppe angeschlossen hat und Entscheidungen eben in der Gruppe getroffen werden. Akzeptanz hierfür ist der höchste Beweis der Fähigkeit, in einer Gesellschaft zu funktionieren und in einem Team zu arbeiten.

Wenn ich an alle Piraten eine Bitte formulieren würde, klänge sie in etwa so:

Bitte. Macht es euren Vorständen nicht schwer. Sie reißen sich den Hintern auf, um allen gerecht zu werden, sogar wenn das oft nicht so aussieht. Greift nicht eure eigenen Mitstreiter an. Schimpft nicht auf sie. Lästert nicht. Auch wenn ihr wütend seid. Sondern leistet euren Beitrag, damit Entscheidungen nach möglichst rationalen, objektiven und demokratischen Kriterien getroffen werden.

 

P.S.: Ich will in diesem Artikel wieder nur Gedankenanstöße geben und Gespräche reflektieren, die ich geführt habe. Ich bin über jede Berichtigung oder Ergänzung meiner Standpunkte dankbar und hoffe auf Feedback dazu. Ich bin daran interessiert, wie eine Gruppe funktionieren kann und habe die Antwort selbst natürlich auch nicht gefunden. Also bitte scheut nicht mit unterstützdenden oder widersprechenden Kommentaren.

 

(Hier habt ihr noch eine Zeichnung.)

Der Sozioniker Igor Weisband

…denn wir segeln auf zwei Schiffen

Ich muss einmal wieder politisch werden.

In letzter Zeit habe ich viele politikwissenschaftliche Artikel gelesen, einerseits, und viele interne Diskussionen in der Piratenpartei verfolgt andererseits. Dabei ist mir eine Sache aufgegangen, die ich für den Erfolg der Partei mitmal unumstößlich finde.

Beginnen wir mal am Anfang. Warum will ich überhaupt, dass die Partei Erfolg hat? In einer Zeit, in der das generelle soziale Denken der Menschen eine Revolution erlebt – nicht nur, aber auch durch das Internet – scheint die Piratenpartei die einzige Partei zu sein, die bereits in ihren inneren Struktur den Kern dieser Veränderung angelegt hat. Alle Revolutionen, die zur Zeit in der arabischen Welt passieren, der Skandal um Wikileaks, um Stuttgart 21, ja bereits die Schaffung des “Web 2.0″ (ja, ich erwähne das noch)… das fügt sich alles in ein Bild: Information lässt sich nicht mehr verbergen, und plötzlich bekommt die Wahrheit wieder einen hohen und zentralen Stellenwert in der Gesellschaft.
Ich muss nicht einmal bewerten, ob das gut oder schlecht ist. Es ist einfach so.
Politik, die sich darauf konzentriert hat, ein gutes Bild zu vermitteln und die Massen zu kontrollieren, scheint zunehmend zu scheitern. In der Piratenpartei sind die Strukturen von Transparenz und Mitsprache tief verankert. Ich bin der Überzeugung, dass nur eine solche Partei Antworten auf die Fragen haben wird, die sich in Zukunft allen stellen werden. Mit einigen davon habe ich mich bereits in früheren Artikeln beschäftigt und gehe hier nicht mehr darauf ein.

 

Zwei Schiffe

Zurück zum Thema: Ich will also, dass die Piraten Erfolg haben. Aber im Moment schippern wir noch immer ganz unten in den Prozentzahlen. Ich will auf keinem Fall schlechte Stimmung machen. Aber unser Ruf könnte besser sein.
Ich denke, das zentrale Problem, das die Piraten haben, ist, dass sie zwei große Aufgaben gleichzeitig bewältigen.
Jede politische Bewegung lässt sich in mehrere Phasen unterteilen:

1. Ideenfindung
Dass ein paar Gleichgesinnte sich zusammengefunden haben, bedeutet noch nicht, dass sie wirklich gleich denken. Sie sind sich oft über konkretere Ziele uneinig, und noch uneiniger über die Methode, wie sie dort hin gelangen. Je mehr Mitspracherecht jeder hat, desto länger dauert der Einigungsprozess, bis sie ein Programm haben, mit dem sie auftreten können.

2. Werbung
Jetzt geht es darum, die Menschen emotional zu gewinnen. Inhalte sind schön und gut, aber zu wirklicher Veränderung führt nur, wenn Menschen mit Emotionen an inhaltliche Ideen glauben. Gerade für eine neue Partei ist hierbei ein gewisses Begeisterungsmoment wichtig. Hier gilt es, mit voller Kraft in eine Richtung zu schießen. In die Richtung, möglichst, an die man selbst innig glaubt.

3. Machtausübung
Hat man Macht gewonnen, kann man seine Ideen umsetzen. Dafür braucht es Entschlossenheit und Verstand. Aber auf diese dritte Stufe will ich nicht weiter eingehen, denn das ist sozusagen noch Zukunftsmusik.

Wichtig ist:
Die Piraten befinden sich im Moment gleichzeitig in Stufe 1 und 2. Einerseits machen wir Infostände und Wahlwerbung, versuchen wir zu überzeugen, arbeiten entschlossen daran, vorwärts zu kommen. Andererseits streiten wir uns noch immer darum, wo vorwärts eigentlich liegt.
Und genau hier ist das Problem. Mit dem plötzlichen Erfolg der Europawahl haben wir uns in eine Stufe katapultiert, für die wir möglicherweise noch gar nicht reif sind. Denn unsere Entscheidungsprozesse dauern dank Transparenz und Mitbestimmung eben recht lang. Mitglieder müssen wütend werden und austreten, andere müssen Hoffnung schöpfen und eintreten. Es muss Shitstorms geben und dann müssen wir noch lernen, ohne Shitstorms auszukommen.
Gleichzeitig müssen wir aber bereits nach außen repräsentativ sein, eine Partei, die man wählen kann.

Nun, wir machen unseren Wählern nichts vor. Wir stehen ja selbst für Transparenz. Also sehen sie all die Prozesse, die im Inneren so hässlich aussehen. Und das bremst aus. Was sie natürlich oft nicht verstehen, ist, dass das, was sie sehen, einfach nur die Wahrheit ist. So hässlich er auch sein mag, ist es ein guter und ein wichtiger Prozess. Und dass er stattfindet, spricht für die Partei. Das heißt, Ideen werden tatsächlich diskutiert, analysiert, kritisiert, optimiert. Es findet echte Arbeit am Fundament statt. Statt leerer Phrasen.

 

Nägel mit Köpfen

Die Frage ist, wie wir aus diesem Dilemma herauskommen. Ich habe neulich in einem interessanten Interview mit Parteienforscher Marcel Solar den Vorwurf gelesen, dass die Piratenpartei bewusst auf “große Köpfe” verzichte, der Wähler aber Köpfe brauche, die er mit Themen verbinden kann.
Wenn man im Moment “Piratenpartei” hört, denkt man, wenn man schlechter informiert ist an “Internetpartei”, wenn man besser informiert ist, denkt man an ein Kuddelmuddel von Nicknames und Meinungen, an Programmfetzen und, achja, da war dieser Tauss.
Tatsache ist übrigens, dass Tauss, unser vielleicht prominentestes Mitglied, sich mit seiner Geschichte besser ins Wählergedächtnis eingebrannt hat, als der Großteil unseres Programms.  So ein Effekt ist schädlich, aber er kann auch zum Positiven genutzt werden.

Ich schlage Folgendes vor: Wir haben ein paar Punkte, über die wir uns einig sind. Punkte, die zukunftsweisend sind. Über die in der Piratenpartei großer Konsens herrscht. Wir haben auch einige charismatische Mitglieder, die Dinge verkaufen können. Tun wir das eine und das andere zusammen. Ich spreche davon, einen Teil von den anderen Parteien abzuschneiden: Wert auf die Kleidung zu legen, auf häufigen Pressekontakt und auf die ständige Wiederholung dieser Punkte, Themen und Ideen.

Ist das politische Prostitution? Nein. Das ist eine eigene Sprache. Eine Sprache, derer man sich bedienen muss, um gerade nicht falsch verstanden zu werden. Natürlich kann man sagen, dass ein Verkäufer, wenn er gute Ware verkauft, auch aussehen kann, wie der hinterletzte Schmock. Es geht ja schließlich um die Ware. Dennoch kleidet sich der Verkäufer gut und lächelt geschäftlich, denn sonst würde nie jemand erfahren, dass die Ware gut ist. Natürlich kann man sagen, dass wir keine bekannten Gesichter brauchen, weil es uns ja um die Inhalte geht. Aber das Ergebnis ist, dass fast niemand die Inhalte kennt. Prostitution, Betrug und Falschheit ist es, wenn der Inhalt der politischen Themen schlecht oder eigennützig ist. Wenn er das nicht ist, braucht man sich keine Vorwürfe dahingehend zu machen.

Darum verteufelt mich nicht, wenn ich soetwas vorschlage. Es ist als Gedankenanstoß gemeint. Nachdem wir einmal groß waren, fürchte ich, gibt es keinen Weg zurück. Wir können nicht sagen: Danke für die kurze Aufmerksamkeit, wir ziehen uns dann nochmal drei Jahre zurück und tüfteln an unseren internen Strukturen. Jetzt müssen wir mithalten. Aber gerade in der Bereitstellung einer benutzerfreundlichen Oberfläche, also Personalisierung der Partei, sehe ich einen Weg, zurecht zu kommen.

Jetzt fragt mich der aufmerksame Leser wohlmöglich, wie man das umsetzen kann. Man müsste aus unbekannten Gesichtern Bekannte machen. Die Antwort lautet: Ich habe keinen blassen Schimmer.

Aber vielleicht können wir gemeinsam darüber nachdenken. Ihr wisst schon. Mitwirkung.

 

Chanukkah – und überhaupt sollten alle Moslems ausgewiesen werden.

Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit existiert seit 1957. Sie besteht zu etwa 95% aus Christen und sorgt sich darum, dass irgendjemand in Deutschland möglicherweise den Holocaust vergessen könnte. Damit das nicht passiert, singen sie, veranstalten Touren durch Konzentrationslager und jüdische Wohnviertel und feiern beispielsweise am 12.12. die erste Deportation aus Münster. Alles, damit Juden und Christen wieder friedlich zusammenleben können.
Diese Gesellschaft hat der jüdischen Gemeinde Münster auch einen Chanukka-Leuchter gestiftet, der öffentlich und zentral auf dem Maria-Euthymia-Platz steht und acht Tage lang nach und nach entzündet wird. Nicht einfach so, natürlich. Die erste Kerze wurde am 1. Dezember unter Medienpräsenz entzündet, und zwar von unserem Gemeindevorstand gemeinsam mit Bürgermeisterin Vilhjalmsson, die eine geklonte Rede von einem Zettel abgelesen hat, ohne den Blick zu heben, während wir frierend um sie herumstanden und uns das Ende herbeisehnten. In dieser Rede sagte sie diese Dinge, die man dann halt so sagt: Dass die Flamme der Kerze für das Licht der Hoffnung steht, dass diese schreckliche, schreckliche Zeit in Deutschland überwunden sei, dass sie unser Herz erwärmen soll. Seltsam. Ich dachte, Chanukkah hätte etwas mit der Wiedereinweihung des Tempels zu tun… Aber egal. Holocaust.  Die Bürgermeisterin half, die erste Kerze zu entzünden, stellte sie auf den Leuchter, nahm sie nach einer Bitte vom Fotographen wieder runter und tat noch einmal so, als ob sie sie draufstellen würde.
Die ganze Veranstaltung hinterließ bei einigen aus der Gemeinde ein flaues Gefühl. Wir begannen uns zu fragen, wer da eigentlich wen zu was eingeladen hat und wozu wir da waren. Keiner von uns hatte das Gefühl, einen eigenen Feiertag zu begehen. Aber das macht nichts! Immerhin werden wir geliebt und akzeptiert. So sehr, dass man sich auf Pressefotos mit unserer Präsenz schmückt! Das geht anderen anders. Den Moslems zum Beispiel.

Die muslimische Bevölkerung Deutschlands hat es im Moment nicht leicht. Ich werde jetzt nicht groß auf Sarrazin eingehen, von dem ja viele sagen, er persönlich habe dieses Fass geöffnet. Das ist mir egal. Seit es jedenfalls offen ist, lese ich in Kommentaren zu Online-Artikeln in verschiedenen Zeitungen (vorn dabei ist die Spiegel online) Sätze wie:

“Man sollte alle kriminellen Ausländer ausweisen.”

“Die Muslime haben hier nichts verloren. Alle ausweisen, und zwar mit ihren Familien. Und wenn sie einen deutschen Pass haben, dann muss man ihnen den wegnehmen.”

“Warum sind sie nicht da geblieben, wo sie hergekommen sind?”

“Man wird doch als Deutscher noch sagen dürfen, dass man von dem Gesocks einfach zu viel hat.”

Das sind Sätze, die so in den 1920ern salonfähig waren und es jetzt wieder sind. Und niemand weist darauf hin. Stellen Sie sich mal vor, was für ein Gerede entstanden wäre, wenn auch nur einer soetwas über Juden gesagt hätte… huiui. Und heute gab es in Berlin-Tempelhof einen Brandanschlag auf ein muslimicshes Kulturzentrum. Zum Glück sind viele Deutsche nicht so geneigt, Muster einer Situation zu lernen, sondern nur deren äußerliche Merkmale.

Studien mit Schülern zeigen, dass sie bei einer Mathematikaufgabe gelerntes Wissen nicht auf eine andere Aufgabe, die mit anderen Größen hantiert, übertragen können, weil sie nur nach oberflächlichen Gemeinsamkeiten suchen. Wenn sie wissen, wie die Größe eines Teppichs zu berechnen ist, der einen rechteckigen Raum bedecken soll, können sie deswegen noch lange nicht die Menge an Dachziegeln berechnen, die man braucht, um ein rechteckiges Dach zu decken.
Wenn sie gelernt haben, dass man jemanden nicht verachten und verfolgen soll, weil er jüdisch sind, begreifen sie noch lange nicht, warum Hass gegen Muslime etwas Schlechtes sein soll. Natürlich werden die toleranten Menschen beides nicht tun. Jeder, der sich die Geschichte halbwegs zu Herzen nimmt, wird sich davon distanzieren, irgendjemanden ausweisen zu wollen, nur weil er einer ethnischen Gruppe angehört. Aber ich spreche hier nicht von Einzelpersonen. Ich spreche von Reaktionen der Gesellschaft.

Misst man an der deutschen Paranoia, bloß nichts Falsches zu sagen oder zu tun, reagiert die Gesellschaft auf die Muslim-Debatte ziemlich gelassen, um nicht zu sagen, sie steigt gut drauf ein. Und das ist, was ich nicht verstehe. Dass an diesem Ende heile Welt gespielt wird, indem man zusammen mit der jüdischen Gemeinde in die Kamera lächelt, es aber in der öffentlichen Diskussion völlig normal geworden ist, abfällig von “denen” zu sprechen.
Ich weiß, zwischen unseren Völkern und Glaubensrichtungen ist nicht alles in Ordnung. Aber dieses Nichtinordnung findet woanders statt. Hier in Deutschland sollten gerade Juden verstärkt für muslimische Rechte eintreten. Allein schon, weil sie es können. Weil sie die Stimme dafür haben und das Gehör finden. Und weil sie genau wissen, wovon sie reden. Wenn das deutsche Volk eine Warnung aus irgendjemandes Mund ernst nimmt, dann aus diesem.

Und was wollen wir mit dieser Warnung erreichen? Nicht, dass die Kritiker und “Rechten” schweigen. Ich finde, das ist ein ganz falscher Ansatz, ihnen einfach den Mund zu verbieten und zu erwarten, dass dann alles in Ordnung ist. Fremdenfeindlichkeit ist ein Symptom. Ein Symptom von sozialen und wirtschaftlichen Schieflagen. Diese Schieflagen müssen korrigiert werden. Durch Fremdenfeindlichkeit wird das nicht passieren, es ist bloß eine natürliche Reaktion. Und eine Verständliche dazu. Ich wäre auch nicht zufrieden, wenn in meine Heimatstadt plötzlich lauter Fremde kommen, sich von meinem Geld ernähren, meine Kultur untergraben und meine Sprache nicht lernen. Nein, die wahre Antwort liegt in einem langfristigen Prozess, der angestoßen werden muss:

  • Bildung muss verbessert werden. Gebildete Deutsche schieben nicht so leicht alle Probleme auf die “bösen Fremden”, gebildete Immigranten beteiligen sich mehr an der Gesellschaft und mehren deren Wohlergehen.
  • Integrationsanreize müssen geschaffen werden. Zwingt die Leute nicht, vom ersten Tag an Deutsch zu lernen. Gebt ihnen Informationen über Hobbies, Schulsystem, Arbeitsmarkt auf ihrer Sprache. Der erste Schritt ist, dass sie partizipieren wollen, und danach werden sie die Sprache von ganz allein erwerben.
  • Immigrationsgesetze müssen reformiert werden. Wie erwähnt kann ich voll und ganz verstehen, warum viele Deutsche sich empören, wenn ungebildete und teilweise (ja, das kann ich aus persönlichen Bekanntschaften bestätigen) arbeitsunwillige Leute ins Land kommen, die sich dann vom Staat ernähren lassen. Man muss gerade für die Gebildeten Leute als Land attraktiv sein. Australien und Kanada arbeiten da mit Punktesystemen. Andererseits sind viele gar nicht so ungebildet, ihre Abschlüsse werden durch ein starres Papiersystem nicht anerkannt, sodass sie ihrem eigenen Beruf nicht nachgehen dürfen. Das muss aufgelockert werden.

Allein schon diese Punkte würden die Situation für die Beteiligten unglaublich erleichtern. Wenn ich von meiner russischen Nachbarin höre: “Wenn ich das Haus verlasse, fühle ich mich, als gehe ich in den Krieg”, dann bekomme ich eine Idee davon, welcher Alptraum Migration ist, wenn man nicht die Möglichkeit hat, sich zu integrieren. Wenn man sich auf jeden Smalltalk mit einem Deutschen wie zu einer Schlacht rüstet, welche Energie kann man dann haben, sein Kind sinnvoll in der Schule zu unterstützen oder sich gar einen deutschen Freundeskreis zu suchen?

Ich will nicht auf diverse Migrationsvorschläge abdriften. Ich will nur hierauf hinweisen:

Alle haben es schwer. Alle haben recht, und alle haben Rechte. Aber Hass, schimpfen und meckern wird die Situation genauso wenig retten, wie ausweisen. Macht es einander nicht so schwer, geht auf die anderen zu, respektiert sie und fordert von ihnen Respekt. Bei den Juden klappt es doch auch…  Lasst bitte diesmal bloß den schmerzlichen Auftakt weg.

Wie der JMStV Kindern schaden wird

Dies ist interessant für Pädagogen und Politiker. Der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag ist ein Vertrag zwischen allen Bundesländern und regelt den Jugendschutz im Rundfunk und im Internet. Der soll nun geändert werden. Wer genaue Informationen haben will, was dann anders wird, ist hier knapp und gut beraten.
In aller Kürze: Websites müssen ab jetzt gekennzeichnet werden, ab welchem Alter sie geeignet sind. Durch Filterprogramme werden bei aktivierten Filtern alle Websites ausgeblendet, für die das Kind noch nicht alt genug ist. Das zur Theorie. Nicht gekennzeichnete Seiten werden automatisch “ab 18″ gekennzeichnet, ebenso ausländische Seiten. Der Betreiber ist für die Inhalte der Seite verantwortlich und kann abgemahnt werden, wenn seine Inhalte seiner Alterskennzeichnung nicht entsprechen. Das bedeuetet, dass Seiten, auf denen der Autor nicht für die Inhalte verantwortlich ist, generell nur ab 18 freigeschaltet sein können. Dies gilt für Foren, Chats, Blogs mit Kommentarfunktion und alles Interaktive im Internet. (Lustig, nicht?)

Die technische Umsetzbarkeit dessen wurde bereits an vielen Stellen kritisiert. (z.B. von den Grünen und der Piratenpartei). Ich will darauf gar nicht mehr eingehen. Mir geht es hier ausschließlich um das Wichtigste aller Argumente, nämlich den Schutz von Kindern.

Als Psychologin setze ich mich viel mit der Entwicklung von Kindern und ihren Lernumgebungen auseinander. Heute sind Kinder aus dem Internet nicht wegzudenken. Weil das Phänomen aber so neu ist, stoßen wir natürlich auf eine Reihe von Problemen. Pornographie und Gewalt sind abrufbar, wie nie. Vorbei sind die Zeiten, als einer eine Videokassette in die Schule geschmuggelt hatte und der Held war. Heute ist alles einen Klick entfernt. Niemand widerspricht heutzutage, dass der kompetente Umgang mit den neuen Medien ein zentraler Lerninhalt sein muss.

Was passiert, wenn die Novelle des Jugendmedienschutz-Staatvertrags (*puh*) in Kraft tritt? Das Problem ist, dass niemand es weiß. Der JMStV ist sehr schwammig gehalten. Ich gehe davon aus, dass in den meisten Fällen gar nichts passiert. Die Filtersoftware, die es theoretisch auch heute schon gäbe, wird in den seltensten Fällen verwendet. Teils aus Bequemlichkeit, teils aus Überzeugung. Nur sehr besorgte Eltern werden sie installieren, und vermutlich wird sie an allen öffentlichen Computern vorhanden sein, zum Beispiel in Schulen oder Bibliotheken.
Was geben wir aber jenen Kindern, die an solchen Computern aufwachsen und das Internet kennen lernen?
Wir geben ihnen eine klassische eingeschränkte Lernumgebung. Das Internet, das werden für diese Kinder drei Seiten sein, nehmen wir an, die Toggo-Website, “Blinde Kuh” und Kindernet. Auf diese Seiten werden sie gehen, unschuldigen Spaß haben und niemand wird sich Sorgen machen.
Der Knackpunkt: Sie haben dabei immer noch nichts darüber gelernt, wie man mit dem Internet umgeht. Sie wissen nicht, wie ein Medium kritisch zu betrachten ist. Sie wissen nicht, wo sie überall nach etwas suchen oder es lassen sollten. Sie wissen nicht, welche Menschen sich auf welchen Seiten herumtreiben. Sie haben nie gelernt, die Anonymität des Netzes kritisch zu bewerten und wissen nicht, was man tut, wenn man etwas begegnet, das einem zu viel ist.

Ein Kind in dieses Abbild des Internets zu setzen, ist vergleichbar damit, es bis zu seinem 18. Geburtstag nicht aus dem Haus zu lassen und es danach zum Studium zu schicken. Na gut, das ist vielleicht nicht genau vergleichbar. Aber die Idee kommt rüber.

Ich habe noch neulich davon gehört, dass viele amerikanische Schulen den Seuxalkundeunterricht ersetzt haben durch die sog. Enthaltsamkeitslehre. Hier wird den Schülern vermittelt, dass der einzige effektive Schutz vor Krankheiten und Schwangerschaft die absolute Enthaltsamkeit sei. Kondome würden häufig platzen ist nicht die einzige Lüge, durch die erreicht wird, Kinder von sexuellen Handlungen allgemein abzuschrecken.
Während ich es ok finde, dass Kinder und junge Jugendliche keinen Sex haben, sind die Natur, die Liebe und die Neugier aber eben oft anderer Meinung. Zu sexuellen Kontakten kommt es an diesen Schulen trotzdem. Aber da die Jugendlichen darauf überhaupt nicht vorbereitet sind, kommt es entsprechend häufig zu Schwangerschaften und Schlimmerem.

Die Parallele hierbei ist, dass Kinder von etwas fern gehalten werden, ohne zu lernen, damit umzugehen. Wenn also ein Kind doch einmal an einen Computer ohne Filter kommt, dann ist sein riskantes Verhalten umso höher. Das Schlimme ist, dass es dann nicht einmal Rat bei seinen Eltern suchen kann, denn die hätten es ja verboten. Also steht es allein und hilflos da.

Die meiner Meinung nach richtige Strategie, Kinder im Internet zu schützen, ist:
Gemeinsam mit dem Kind online gehen, ihm die Kindgerechten Seiten und Angebote zeigen und schauen, was es sonst so macht. Immer als Ansprechpartner da sein. Sich selbst mit dem Thema auseinander setzen und kompetent sein. Dem Kind zur rechten Zeit sexuelle Aufklärungsseiten zeigen, damit es seine Antworten nicht in Pornographie suchen muss. Vor allem aber: Dem Kind vertrauen. Je mehr wir unseren Kindern vertrauen, desto erwachsener und verantwortungsvoller können sie handeln.


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Über die Freiheit, unfrei sein zu dürfen

Es begann auf der open mind 2010, jener bedenklichen Versammlung von Freibeutern und Seelenverwandten in Kassel, auf der darüber diskutiert wurde, wie wir uns die Zukunft vorstellen. Es würde den Artikel sprengen, die Veranstaltung in den Himmel zu loben, was sie zweifelsohne verdient hätte, weil ich selten so vielen intelligenten Ideen auf einmal begegnet bin.

Das Wort jenes Wochenendes war Freiheit. Das Wort “Freiheit” verwendet der Pirat etwa so oft, wie der durchschnittliche Deutsche das Wort “ich” verwendet. Einer der vielen Vorträge, die das Wort im Titel trugen, war der ausgezeichnete Beitrag von Pavel Mayer, mit dem Volltitel: “Freiheit” in den Grundsatzprogrammen der etablierten Parteien und im Grundgesetz”. Hier stellte er die teilweise obszön-kontroversen Verschmelzungen dar, in denen der Wert “Freiheit” mit Werten wie “Sicherheit” in Grundsatzprogrammen anderer Parteien zu einem moralistischen Wortsalat zusammengepresst wurde. Der Teil des Vortrags, der meine Aufmerksamkeit am meisten fesselte, war aber vor allem die Definition von Freiheit, oder deren Beschreibung an und für sich.
“Freiheit”, so stellte Mayer sinngemäß heraus, “ist aber auch eine Pflicht, eine Verantwortung.”

Der Tenor der ganzen Veranstaltung war, dass die Piratenpartei in einer Gesellschaft leben will, in der jedes Individuum viel Freiheit besitzt; nämlich genau so viel, wie es die Freiheit der Anderen nicht beschneidet. Für diese Freiheit und ihre Grenzen muss jedes Individuum die Verantwortung tragen. Dafür muss es aufgeklärt, emanzipiert, gebildet sein. Nur so kann eine solche mündige Gesellschaft gewährleistet werden. Eine Gesellschaft also, in der wir nicht auf jemanden angewiesen sind, der die Verantwortung für uns trägt. Damit entfällt die Notwendigkeit von religiösen Oberhäuptern, einem starken Staat, einer aufgepropften Moral.

Und das passt gerade Piraten ganz gut in den Kram. Geistige Führung widerspricht dem mündigen, gebildeten und freien Bürger, den die Partei will – und aus denen sie besteht. Schon das Wort ‘klassische Werte’ bekommt hier gleich einen verstaubten, negativ besetzten Klang. Man hängt ganz dem aufklärerischen Gedanken an, der einzige Wert ist der Mensch, und wie sein freier Wille ihn führt, so soll er leben. Die Erkenntnis soll die Wissenschaft sein. Die Piratenpartei beansprucht für sich gar oft, überhaupt ideologiefrei zu sein.

An dieser Stelle lehnte sich Julia Schramm ganz weit aus dem Fenster und hielt einen Vortrag mit dem Titel “Ideologie und Emanzipation”, der mit dieser Ideologiefreiheit etwas aufräumte. Haben wir wirklich keine Ideologie? Sollten wir auch wirklich keine haben? Das heute negativ besetzte Wort Ideologie, so geht aus ihrem Vortrag hervor, wechselte im 19. Jahrhundert den Glauben an Gott ab. Es war also etwas Neues, das eine alte Funktion erfüllte: Den Menschen Halt geben. Und nun kommen die Piraten und sagen: Ihr braucht keinen Halt mehr. Seid frei.

Als Mayer seine Erläuterungen zu Freiheit und Verantwortung ausführte, stellte ich ihm öffentlich eine Frage: “Was ist mit den Menschen, die nicht frei sein wollen?”

Ich stellte mir meine eigene Großmutter vor, die in einigen Jahren vielleicht alt wird und dann in ihrem Wohnzimmer sitzt und fern sieht, wo man ihr sagt, dass sie mit ihrem Leben nun machen kann, was sie will. Was ist richtig? Was ist falsch? Vielleicht will sie dazu nicht alle erdenklichen Quellen konsumieren, bewerten, für sich in eine Reihenfolge legen und daraus Handlungsanweisungen ableiten? Vielleicht will sie einfach leben und diesen Halt in etwas haben. Vielleicht will sie die Verantwortung nicht tragen, die immer mit erhobenem Zeigefinger an die Freiheit geknüpft wird.

Letzlich – beschneiden wir, die die ultimative Freiheit fordern, nicht jene in ihrer Freiheit, die nicht frei sein wollen? Sollte nicht auch das eine individuelle Entscheidung sein? Ich frage, was die Piratenpartei den Menschen zu bieten hat, für die das Konzept von Freiheit nicht so verlockend ist.

Aus irgendeinem Grund ist der Wunsch nach absoluter Emanzipation als völlige Selbstverständlichkeit für jeden Menschen aufgestellt. Damit reißen wir aber Menschen aus einer gewissen Sicherheit und … naja, Freiheit von Verantwortung, die eine Gesellschaft so bieten kann.

Ich habe auf meine Frage die nachdenkliche Antwort bekommen, dass Religion solch ein Halt sein könnte. Freiwillige Religion, die nicht vom Staat diktiert wird, die aber da ist, verfügbar, falls man heute mal nicht frei sein will. Das klingt tatsächlich sinnig.
Die Frage ist, wie überzeugend eine Religion ist, die nicht mehr seit Kindesbeinen gelehrt wird. Das hieße ja, dass meine Großmutter wieder ins Internet gehen müsste und alles von Baptismus bis Buddhismus studieren müsste, sich dann das passende Modell aussucht und danach lebt. Denn wenn Religion in einer fernen, piratenutopischen Zukunft nicht mehr unfreiwillig gelehrt wird, steht die christliche Religion Deutschland ja nicht näher, als jede andere.

Was soll es überhaupt, dass ich als Pirat ideologiefrei bin? Heißt das, dass ich also an keine Idee glauben soll? Aber ich glaube doch an Ideen! Ich glaube an die Idee der Freiheit, der Bildung, des Friedens. Ich glaube ja nicht nur daran, ich kämpfe dafür, ich arbeite mir den Hintern ab und tippe lange Artikel mitten in der Nacht. Ich gehe dafür auf die Straße. Ich habe bisher kaum jemanden gesehen, den kalte Wissenschaft auf die Straße getrieben hätte (Akademiker-Arbeitslosigkeit ausgenommen).
Selbstverständlich haben wir eine Ideologie und ich gehe sogar so weit zu sagen, dass wir eine der ideologischsten Parteien sind; wir glauben fest an unsere Ideale.
In heimlicher Wirklichkeit sind das auch die Dinge, an denen wir uns festhalten. Wir halten uns daran fest bei bescheidenen Wahlergebnissen und bei internem Streit, bei durchgearbeiteten Nächten und in unserer eigenen Frage nach dem möglichen Sinn unseres Lebens.

Ich bin ja jemand, der zusätzlich noch an Gott glaubt. Wirklich so sehr, dass ich mir dauernd überlege, ob ich das Wort ausschreibe. Ja. Wirklich. Hier kann ich es ja mal sagen. Aber bitte sagt es nicht weiter, denn dafür werde ich häufiger mal ausgelacht in meiner Partei. Ich werde wirklich oft, teils mit Abfälligkeit, gefragt, warum ich mich solchen überalteten Gesetzen füge, warum ich mein Leben von “jemandem” da oben bestimmen lasse.
Warum ich das mache ist ja eine ganz andere Geschichte. Ich kann halt einfach nicht anders. Ich sehe mit meinen Augen und ich glaube mit meinem Herzen. Ich müsse größte Mühe aufwenden, um beides zu verhindern, und dann wäre es vielleicht auch nicht zielführend.

Dieser um sich greifende Nihilismus in der Piratenpartei, die gern alles empirisch hätte und nichts wirklich glauben will, ist zwar ein Werkzeug der Rationalisierung, aber sowohl für uns als auch für unsere Wähler gefährlich.
Wir müssen unsere Gedanken auch darauf lenken, wie es Menschen geht, die von ihrer psychologischen Konstruktion her anders sind, als wir. Niemand wird mir doch widersprechen, dass es in unserer Wunschgesellschaft Werte gibt, die alle beachten sollen? Die Würde des Menschen, zum Beispiel. Gegenseitigen Respekt, oder zumindest freundliche Ignoranz. Und da wir uns Werte wünschen, sind wir in dieser Funktion eben auch nicht anders als zum Beispiel die Kirche. Werden wir Bürgern deshalb sagen, wie sie sich zu verhalten oder an was sie zu glauben haben? Nein. Aber werden wir sie aus der Knechtschaft ihres Glaubens befreien? Ich würde zwei mal darüber nachdenken.

Der Brief

Israel in meinem Wohnzimmer

Es ist sehr schwierig für mich, etwas zur Situation in Israel zu sagen. Was soll man da sagen? Da kann man nichts sagen, da kann man sich nur hinsetzen und weinen. Irgendwie haben beide Seiten recht, irgendwie haben beide Seiten unrecht, die Situation ist auswegslos. Es herrscht kein Frieden und die anderen sind daran schuld.  Welche Meinung ich nicht auch veräußere, ich bekomme immer eins aufs Dach dafür. Von meinen deutschen, linken Freunden bekomme ich Kritik dafür, dass ich Israel verteidige, meine Familie ist beleidigt über meine proarabischen Ansichten.
In anderen Neuigkeiten ziehen die Kinder des Freundes meiner Mutter bei uns ein.
Zur Situation bisher: In der 3-Zimmer-Wohnung in Wuppertal wohnten bislang meine Mutter, ihr Freund (seit 10 Jahren) und ihr autistischer, 18-jähriger Sohn. Ihr Freund, mein Ziehvater also, hat selbst fünf Kinder, drei davon leben noch bei seiner zweiten Ehefrau. Die ziehen nun um, von Wuppertal nach München. Jetzt ist seinem zweitältesten Sohn eingefallen, dass er ja noch Prüfungen in Wuppertal ablegen und darum irgendwo wohnen muss. Kurzerhand hat mein Ziehvater ihn also in seine Wohnung eingeladen. Und der Familienhund, ein ausgewachsener Golden Retriever mit einem Talent, genau da zu liegen, wo man gerade hintreten will, ist gleich mit gekommen. Als Willkommensgeschenk hat unsere zickige Katze Tia ihm auf die Hundedecke gepinkelt. Da schläft er immer noch. Dann hat die Widwe des besten Freundes meines Zievaters angerufen und gefragt, ob sie mit ihrer Freundin und ihrer Tochter für eine Nacht bleiben könnte. Kein Problem, so mein geselliger Ziehvater. Dann ist seinen beiden Zwillingstöchtern eingefallen, dass ja noch Schulferien sind und sie da in München noch überhaupt keine Freunde haben. Ob sie nicht für zwei Wochen bei ihrem Vater leben und sich mit ihren Freundinnen treffen könnten. Natürlich.
Es leben also in einer 75m²-Wohnung mit drei Zimmern mein Ziehvater, meine Mutter, mein Bruder, Juris Sohn, seine beiden Töchter, die Katze und der Hund. Meine Mutter versteht. Meine Mutter toleriert. Immerhin sind es ja Kinder. Kindern kann man nicht “nein” sagen. Sie stolpert über das hinterlassene Chaos, sie toleriert den Gestank, sie kocht essen und sie kämpft mit sich, nicht auszuflippen. Das Einzige, was sie in wirklich tiefe Sorge stürzt, ist mein Bruder, der fremde Menschen unheimlich schwer verträgt, sich in seinem Zimmer einschließt, immer tiefer in die Depression rutscht.
In einem Anfall von Heldenmut habe ich beide in meine Einzimmerwohnung geholt. Für ein paar Tage. Mein Bruder schlief auf dem Sofa, meine Mutter saß bei mir auf dem Bett und wir diskutierten angeregt. Über Israel. Darüber, wie ein Volk, das keinen anderen Platz zum Leben hat, von allen umliegenden Nationen vernichtet werden soll, sie diese Länder die Vernichtung des Staates teils in ihre Konstitution aufnehmen. Sie spricht über das furchtbar schwere Schicksal des Volks Israel. Dann verstummt sie, ihre Augen blicken mit dem Humor der Resignation vor sich hin: “Eigentlich ist in unserer Wohnung ein Miniaturmodell des Nahostkonflikts”.
Die Familie meines Ziehvaters wird gerade über Deutschland verteilt. Der einzige Ort, an dem sie im Moment zusammen sein können, ist in der Wuppertaler Wohnung. Meine Mutter wohnte da aber noch, ehe ihr Freund überhaupt eingezogen ist. Und mein Bruder auch. Dennoch müssen sie jetzt Platz machen. Sie müssen sich an die neuen Lebensumstände gewöhnen oder weggehen. Sie sind zu Arabern geworden. Nun erlebt meine Mutter selbst, wie viel Kraft und Selbstbeherrschung es kostet, ihn nicht anzugreifen, seine Sachen nicht gesammelt aus dem Fenster zu werfen dafür, dass er sie überall herum liegen lässt. Sie kann es, weil sie eine Einzelperson und kein durchmischtes Volk ist – und weil sie ihn immerhin liebt. Plötzlich eröffnet sich ihr aber tiefstes Verständnis für diese andere Seite des Konflikts. Wie schwer wäre es, wenn es Fremde wären.
Ich weiß ja, dass mein Artikel hier bei vielen Juden auf Unverständnis treffen mag. Und wer von den anderen Lesern denkt, Israel hätte es in irgendeinerweise leichter, der möge sich nochmal mit mir darüber in Verbindung setzen. Vertreibung, Kampf um Identität und ums Überleben auf der einen Seite, und Vertreibung, Kampf um das eigene Recht auf der anderen Seite. Da habt ihr es.
Wie, wie um alles in der Welt, kann es in so einer Situation jemals Frieden geben? Es gibt keinen Weg als den, den Gott seinerzeit in der Wüste gewählt hat. Der Krieg muss beendet werden und es müssen 40 friedliche Jahre vergehen. Und wenn das letzte Kind des Krieges gestorben ist, wenn der letzte Augenzeuge von Hunger und Bombenangriffen schweigt,  erst dann kann man langsam anfangen, über echten Frieden zu denken.
Was können wir hier im Westen tun? (Immerhin lest ihr diesen Artikel ja auf deutsch.) Wir können nichts tun, als mit gutem Beispiel voran gehen. Solange, wie wir diesen Krieg hier grundlos, ohne da rein verwickelt zu sein, weiterführen; solange wie sich die Juden und Muslime hier nicht riechen können wegen verletzten Stolzes der entfernten Verwandten oder auch bloß Glaubensgenossen; solange kann und wird es keinen Schritt in die richtige Richtung geben. Wenn wir hier es nicht schaffen, friedlich zu koexistieren, dann werden die emotional so schwer betroffenen Menschen im nahen Osten erst recht nicht tun können. Wen wir, wo keine Bomben auf unsere Straßenkreuzungen fallen, wo die Anderen nicht unsere Kinder töten, nicht in Dialog treten, wie können wir das von denen erwarten?
Mein Aufruf geht hier in zwei Richtungen. Liebe Juden und Muslime in Deutschland, geht auf einander zu. Zumindest ihr, die Jugend, die Aufgeschlossenen, die Globalisierten – zeigt offen, dass das möglich ist. Beteiligt euch an einem der vielen Brücken- oder Dialogprojekte.
Liebe Deutsche, die die eine oder andere Seite in diesem Konflikt unterstützen und sich mit ihr solidarisieren. Tut das nicht. Solidarisiert euch mit dem Frieden. Kämpft nicht für die Rechte des Einen oder des Anderen, kämpft für die Rechte beider.
Ich weiß, dass viele mir schreiben werden, dass alles ja gar nicht so einfach sei, dass ich der einen oder anderen Propaganda verfallen sei, dass ja in Wirklichkeit die *** angefangen haben. Schreibt mir das nicht. Es ist egal, wer angefangen hat, wenn Kinder sterben. Es ist egal, wer angefangen hat, wenn es irgendwie zu beenden ist.

Eine Partei des gesunden Menschenverstandes

Liebe Piratenpartei,

du hast einen Klienten. Einen schwierigen Klienten, wenn ich das hinzufügen darf. Die Zukunft.
Und zwar natürlich eine ganz bestimmte Zukunft.

Dein Klient ist eine Zukunft, die du dir wage vorstellen kannst. Sie basiert auf der Gesellschaft, die heute im Internet ihre Geburt erlebt und qualitativ anders sein wird, als die Gesellschaft des vergangenen Jahrhunderts. Sie wird die Revolutionen, Verwirrungen, den Befürchteten Verlust der Moral, die Veränderungen und Missverständnisse verarbeiten und ein neues, stichhaltiges Konzept daraus schaffen, wie der Mensch funktioniert.

Sie wird vermutlich jedem eine Stimme verleihen und die Lautstärke dieser Stimmen einer Selbstregulation überlassen, wie es heute in Netzwerken wie Twitter modellarisch passiert. Sie wird eine Art Evolution der Meinungen etablieren. Sie wird neue Massenmechanismen besitzen, die Dinge wie Politik und Gesellschaft verändern wollen.

Du bist der Anwalt dieser Zukunft und das ist gar nicht so leicht.

Wenn wir von Visionen sprechen, sprechen wir oft von unterschiedlichen Visionen. Die einen wollen den Überwachungsstaat verhindern, sie wollen, dass alle anonym und dadurch frei sind. Die anderen wollen, dass die Politik und die Wirtschaft besser überwacht werden. Die meisten wollen beides zugleich, weil es kein Widerspruch ist. Die einen wollen eine neue Gesellschaft formen, die anderen wollen das Urheberrecht so verändern, dass Daten kopierbar sind.

Und dann gibt es natürlich noch die, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, dich, die Piratenpartei zu formen. Sie möchten, dass diese ganze Arbeit perfekt optimiert wird. Es soll basisdemokratisch sein, jeder soll etwas zu sagen haben. Gleichzeitig soll es aber auch schnell gehen. Gleichzeitig sollen alle Daten aller Mitglieder aber auch geschützt sein. Die einen wollen nicht von den Wurzeln (freies Internet) weg, die anderen fordern eine drastische Ausweitung der Themen. Eigentlich besteht die Piratenpartei aus etwa 1500 Parteien, aber das kann nicht funktionieren.

Und diese unsere Unterschiede, die wir eigentlich gut finden und tolerieren wollen, führen zu großen Problemen. Einige sprechen von einem Stillstand der Politikarbeit insgesamt. Auf den Mailinglisten wird sich nur noch um Satzungskonflikte und Partei-Regelungen gestritten.

“Das ist kein Piratenthema”, “Das ist nicht basisdemokratisch”, “Du kapierst einfach gar nichts und hast in der Politik nichts verloren.”

Die meisten sagen zeitgleich, dass das alles ein Kindergarten ist und so nicht weiter gehen kann. Alle sagen es. Selbst die eifrigsten Verfechter ihrer Meinung. Das ist aber nun auch nicht gerade konstruktiv.

Was ist dann konstruktiv? Wie kann man bei diesen Wetterverhältnissen noch Politik machen?

Mein Vorschlag dazu ist ein ganz einfacher. Konstruktiv ist es, sich umzusehen. Such die Probleme, die es in Deutschland oder in deiner Stadt gibt. Die kleinen, die einzelnen. Es gibt genug davon.

Such dir Leute, die sich mit diesen Problemen auskennen oder davon betroffen sind. Such Experten und sprich mit ihnen. Möglichst mit allen Parteien.

Arbeite mit deinem Kreisverband oder mit deiner Crew oder von mir aus mit deinen Nachbarn und dem Hund und der Hilfe von Experten eine Lösung für dieses Problem aus.

Kannst du schon von deinem Ort aus über die Kommunalpolitik, über Aktionen oder die Presse etwas Ändern? Gut. Dann tu es.

Kannst du es nicht? Dann fahr zum Bundesparteitag und stell deine Lösung dort zur Abstimmung.

Und übersieh die Mailinglisten und den Streit darauf. Empör dich nicht, wenn jemand, den du unterstützt, beleidigt worden ist. Unterstütze diejenigen, die du magst und lasse die, die du nicht magst, in Ruhe.

Denn gerade die Gegensätzlichkeit der Ideen in Verbindung mit unserer besonderen Struktur ist ja das, was an der Piratenpartei bestechend ist:

Es ist eine Partei, die erstmal alles als potentiell gut anerkennt und jede Idee hört. Wenn alle mitsprechen dürfen, kommt am Ende optimalerweise etwas heraus, das mit gesundem Menschenverstand zu tun hat. Denn es ist nicht die Idee von wenigen, die durch Medien oder durch Machtstrukturen etablierter Parteien künstlich gepuscht wird. Wer eine schlechte Idee hat, wird viel Kritik ernten. Wer eine gute Idee hat, der wird sich bei den meisten damit durchsetzen können. Und das ist genau der Punkt an Demokratie.

Die einführung des Liquid Feedback als internetgestütztem Werkzeug zur Meinungbildermittlung wird einer der Meilensteine auf diesem Weg sein und uns viele Türen öffnen.

Sicher, das alles kann auch scheitern, aber erstmal ist es ein Experiment mit großen Aussichten. Und das muss uns allen zu jeder Zeit bewusst sein.

Liebe Piratenpartei,

ich will an dich eine Forderung stellen. Ich möchte, dass du durch die dir gegebenen Strukturen und durch die Überzeugung deiner Mitglieder zu einer Partei des gesunden Menschenverstandes wirst. Ich möchte, dass du selbst das Beispiel jener Gesellschaft wirst, für die du kämpfst. Ich wünsche mir, dass viele deiner Mitglieder sich von meinem stumpfsinnigen Optimismus anstecken lassen und einfach anpacken.

Grüße und Küsse,

deine Marina

Anhang I

Hier im Kuschelverband Münster wollen wir jetzt einfach mal damit loslegen und gucken, wie gut es geht. Da wir zur Zeit so motiviert sind, laden wir auch die inaktiven Münsteraner sehr herzlich zu unserem Arbeitsstammtisch am Dienstag, den 03.08. ins Piratenbüro ein. Es wird um Dinge gehen.

Anhang II

Mailinglisten sind kein Medium, auf dem Politik gemacht werden kann. Das sind sie einfach nicht. Wirklich.