Vernissage
Heute war vielleicht einer der schönsten Abende meines Lebens. Wozu kleinlich sein? Vielleicht der schönste.
Am 23. Januar fand im Kulturzentrum FÜNTE in Mülheim an der Ruhr die Eröffnung meiner ersten Ausstellung statt. In zwei Räumen hängen 20 meiner Zeichnungen und vier Leinwandbilder.
Zum ersten Mal in meinem Leben waren in diesem einen Haus alle Menschen versammelt, die mir am Herzen lagen. Freunde, Kommilitonen, Familie. Menschen aus ganz verschiedenen Lebensbereichen; Menschen, die sich nicht kennen. Und alle sind sie herzensgute Menschen, alle sind sie liebenswert, denn ich hatte in meinem Leben immer Glück mit Begegnungen.
Ich habe geredet und gesungen, auf zwei Gitarren haben wir Zigeunerlieder gespielt, ich habe mich in zwei Sprachen mit teilweise Fremden und teilweise Lieben unterhalten.
Mit einem Wort – ich bin glücklich. Ich bin nach Hause gefahren mit vielen roten Blumen und schwarzen Bändern auf den Armen, und meine Bilder, meine liebsten Kinder, wurden mit einer solchen Begeisterung aufgefasst, die mir das Herz wärmt.
Ich hatte eine deutliche Empfindung: Nach diesem Abend nun kann alles passieren. Nach diesem Abend kann ich auch sterben, es wäre mir gleich. Jetzt weiß ich, dass alles, was ich bisher in meinem Leben getan habe, nicht umsonst war. Denn heute Abend hat sich mein ganzes Leben in einem einzigen Raum versammelt.
Das sind die Worte einer von Glück betrunkenen, und genau darum wollte ich sie noch jetzt, totmüde, verfassen. Und veröffentlichen, ohne noch einmal darüber zu lesen, denn Aufrichtigkeit ist der wahre Wert der Worte.
Schlaf gut, liebe Welt. Lass uns lächelnd unsere Ruhe genießen, und uns morgen wieder treffen. Gehen wir morgen einen Kaffee trinken.
Berühre meine Liebe nicht
Wenn meine Seele sich erholt
Von deinen schönen Worten,
Dann öffne mutig ich den Mund
Und ruf es in den Wind:
Streck deine rauhe Hand nicht aus,
Bleib fern von meinen Pforten!
Berühre meine Liebe nicht,
Denn sie ist noch ein Kind.
Nur wenig nötige Details
Sind alle deine Worte,
Schmückender Rauch und Beigeschmack,
Gelogener Roman.
Du Dieb bist sie mitnichten wert,
Ich kenne deine Sorte.
Lass meiner Liebe Freiheit noch,
Denn sie wächst noch heran.
Ich lege schützend mich um sie,
Ich kämpfe für ihr Leben.
Sie ist ein Teil von jenen Dingen,
die noch heilig sind.
Drum sieh sie nicht so lüstern an,
Ich werd sie dir nicht geben.
Berühre meine Liebe nicht,
Denn sie ist noch ein Kind.
Die Unbekannte
Der Tag war ein verregneter, grauer Novembertag. Ich stieg gerade aus dem Bus am Bahnhof, da sah ich dich. Ein Mädchen, kaum 25, in einem dünnen Wollmantel mit blauem Schal.
Du hattest dich kurz an die Haltestelle gesetzt und schminktest eilig deine Wimpern mit schwarzer Tusche nach. Dann stecktest du den Handspiegel in deine Jackentasche und hobst die schweren Tüten vom Boden auf. Sie hatten in deinen Fingergelenken vermutlich schon blaue Druckstellen hinterlassen. Du überquertest die Straße, bliebst stehen, um die Fahrräder vorbei zu lassen, und betratst das alte Gebäude des Bürgerbüros. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, um ihn vor dem Regen zu schützen.
Du sahst nicht unglücklich aus. Deine grauen Augen überflogen kurz die Strecke, und du gingst weiter.
Niemand außer mir sah dich an.
Wie lange lebst du schon dieses Leben, Unbekannte?
Ach, du wirst eines Tages Kinder gebären, sie werden wachsen und irgendwann im Streit sagen, dass sie dich hassen, und du wirst Gespräche mit ihren Lehrern führen. Du wirst immer bei Edeka an der Schlange stehen du wirst nie darüber nachdenken, warum alles so gekommen ist, wie es ist; du wirst nur darüber nachdenken, ob du das Abendessen zeitig schaffst.
Du trägst die Einkäufe, die Stehlampe, den Kratzbaum nach Hause; du stehst in überfüllten Bussen. Du liest Verträge, du wartest in Wartezimmern, du triffst Entscheidungen.
Niemand wird dir helfen. Und dabei werden deine Wimpern immer geschminkt sein.
Du wirst morgens eine halbe Stunde eher aufstehen, und Rouge auf deine blassen Wangen legen und zum Vorstellungsgespräch gehen.
Unsichtbare Heldin des Alltags.
Sie werden dich alle immer dafür bewundern, wie hübsch du bist; wie klug und fröhlich.
Sie werden vor ihren Freunden mit dir angeben.
Aber sie werden nie wissen, was du mit deinen zierlichen Händen tust.
Als ich dich sah, wollte ich dir ein kleines Denkmal aufstellen.
Mein unsichtbarer Freund
Ich habe einen unsichtbaren Begleiter.
Manchmal, wenn ich über die regennasse Straße gehe, lächle ich ihm zu, oder ich witzele, damit der Tag nicht so trüb wird. Manchmal ist mir, als hielte sich seine Hand.
Wenn ich Zeit mit meinen Freunden verbringe, lasse ich ihn meist unerwähnt. Muss ja nicht jeder wissen. Aber bei mir ist er trotzdem. Sogar wenn ich Angst habe, dass meine Freunde alle fortgehen. Sogar wenn die ganze Welt mich verlässt.
Er ist immer da.
Wenn nach der Party die Leute gegangen sind, wenn die Wohnung leer ist, ist er noch bei mir. Dann lehne ich mich traurig an seine Schulter und er streicht mir über den Kopf. Wer auch immer geht – er wird immer bei mir sein.
Er liebt mich. Ganz genau wie ich bin. Liebt mich unsterblich.
Wenn ich einen Fehler gemacht habe, sieht er mich streng an. Dann verstehe ich sofort. Ihm kann ich nichts vormachen, kann ihn nicht belügen, aber das will ich auch nicht. Denn ich liebe ihn auch sehr.
Nachts fühle ich auf meiner feuchten Wange seine warme, trockene Hand. Dann weiß ich, dass alles in Ordnung ist.
An einem freien Nachmittag gehe ich in die Kirche, dann setze ich mich in eine Bank und atme die Luft ein.
Dann sitze ich einfach nur da; ich sehe ihn an, er sieht mich an -
und sollen sich die Touristen wundern….
Fältchen
Wenn ich heute in den Spiegel blicke, merke ich, dass das Leben nicht jünger macht.
Wenn ich lächle, bilden sich auf meinen Wangen diese flachen Grübchen, die vorher nicht da waren. Und unter meinen Augen sind auch feine Linien…
Natürlich denkt man bei so einem Anblick an die Vergänglichkeit des Lebens.
Aber im Stillen
danke ich Gott dafür, dass meine ersten Fältchen
Lachfältchen sind.
Über die Gerechtigkeit der deutschen Bürger
Ich bin eine dieser nervigen Gutmenschen-Personen. Eine naive Gläubige an das allgemeine Gute in der Welt und im Menschen. Ich bin jemand, der, wenn er keine zwei Euro für den Spind hat, seine Sachen in den unverschlossenen Spind legt und in die Bibliothek geht, in der Überzeugung, dass niemand, sogar wenn er sie dort findet, sie nehmen wird.
Und bisher hatte ich immer recht.
Und nun, liebe Leser, stellen Sie sich bitte folgendes vor: Ich falle gestern Abend auf dem Bahnhofsvorplatz in Ohnmacht – und man klaut mein Portemonnaie!
Ich hätte das bisher nicht einmal für möglich gehalten. Tatsächlich habe ich es auch zu dem Zeitpunkt nicht für möglich gehalten. Ich gehe dort mit meinem niedrigen Blutdruck und Blutzucker von 80 entlang, mir wird schwindelig, ich verliere das Bewusstsein. Als ich aufwache, bin ich wie üblich von einer Menschenmenge umringt, eine ehemalige Krankenschwester überredet mich, liegen zu bleiben und ein Mann ruft einen Krankenwagen. Ich richte mich stur und gegen die Wehr der Frau auf, greife nach meiner Tasche – aus der offenen Tasche schlittert der Inhalt – die Frau tut den Inhalt wieder hinein und gibt mir die Tasche. Einige freundliche Leute warten die vielen (!) Minuten, bis der Krankenwagen eintrifft und helfen mir hinein. Beschreiben die Situation. EIne halbe Minute bin ich vielleicht bewusstlos gewesen.
Im Krankenwagen überzeuge ich die Sanitäter nach der Untersuchung davon, dass keinerlei Grund besteht, mich ins Krankenhaus zu fahren und sie lassen mich gehen. Ich gehe zur Bushaltestelle, will eben meinen Fahrschein herausholen – und er ist weg. Und nicht nur er. Ausweis, Studentenausweis, Krankenkassenkarte, ec-Karte, Cafeteriakarte, 150 Euro bar… alles weg. Und auch noch ein Bild, das ich gerade zum Zeichnen gebraucht hatte.
Natürlich habe ich das zur Anzeige gebracht und die ec-Karte sperren lassen.
(Wartemusik – *freundliche stimme* „Guten Abend, Krause*, was kann ich heute für Sie sperren lassen?“)
Da bin ich also nun. Mit meinem Glauben an die Menschheit. An die Deutschen, die hilfreichsten Menschen der Welt. Sind sie wirklich so nieder, dass sie einer ohnmächtigen jungen Frau, die nichteinmal aussieht, als hätte sie viel, das Portemonnaie aus der Tasche ziehen? Wie weit ist es mit der Moral in unserer Gesellschaft her? Sind die Menschen in Wirklichkeit doch unsere Feinde?
Nein!
Wenn ein Einzelner soetwas getan hat, bedeutet es, dass man Menschen nicht trauen kann? Ja, vielleicht hat jemand meine Geldbörse genommen, vielleicht sogar in böswilliger Absicht. Aber eine andere Frau hat ihren Bus verpasst, und ihr Fachwissen angewandt, um mir zu helfen. EIne andere Frau sprach mir gut zu und beruhigte mich, obwohl sie mich nicht kannte. Ein anderer Mann rief einen Krankenwagen und wartete die ganze Zeit am Straßenrand auf ihn, obwohl er am Bahnhof sicherlich besseres zu tun gehabt hätte. Andere Menschen hielten an und fragten, ob alles in Ordnung sei. Sie schenkten mir Freundlichkeit und beruhigung. Und das tun sie jedes mal, wenn soetwas passiert, egal, wo es passiert.
Und als ich weinend den Platz absuchte, ob es nicht doch irgendwo dort liegt, rutschte ein alter Mann geduldig zur Seite auf seiner Bank und tippte mit der Hand auf den leeren Platz neben sich. „Setzen Sie sich erstmal, Kindchen. Beruhigen Sie sich.“ Und als ich ihn um zwei Euro für den Bus bat, holte er seine Brieftasche heraus und gab mir den letzten Euro, der sich darin befand. Buchstäblich. Und als ein Mädchen neben mir das sah, gab sie mir unaufgefordert den zweiten.
Können all diese Menschen, all diese guten Herzen, von einem einzigen, gewissenlosen Menschen übertönt werden?
Nein, das können und das dürfen sie nicht. Denn das wäre ungerecht, das wäre ein Sieg des Bösen.
Ich glaube weiterhin an die Menschheit.
Der Kuss
Das Leben ist soo stressig…
Als Entspannung habe ich heute auf einer Karte die Stelle markiert, wo ich meinen ersten Kuss bekommen habe.
Krankheit zu zweit
Ehrlich, die romantischste Geisteskrankheit, über die ich im Laufe meines Lebens gestolpert bin, ist die Folie à deux.
Eine wahnhafte psychische Störung, die zwei Menschen teilen, allein weil sie zusammen sind.
Das ist Psychologie.
In anderen Gebieten heißt es auch einfach „Liebe“.
Kopfhörer
Der Herbst hat nun vollständig, entgültig Einzug genommen, und nichteinmal die größten Optimisten können den Winter jetzt noch leugnen. Der Himmel ist überzogen von grauer, kalter Milch, die müden Bäume werfen ihr braun-oranges Laub in nassen Haufen auf die Straßenränder. Die ganze Welt ist gewaschen, ist kühl und duftet angenehm nach rottendem Laub.
Ich selbst habe heute meinen roten Herbstmantel angezogen. Auf dem Weg zur Universität steckte ich mir die Kopfhörer meines mp3-Players in die Ohren und hörte französischen Chanson. Die Pianoklänge untermalten den Wind, der meine Haare durcheinander warf, spielten mit den fallenden goldenen Blättchen, färbten das Grau der Luft warm. Als ich über die Brücke ging, floss unter mir das ruhige Wasser, in dem rote und gelbe Blätter wie Schiffe trieben, immer im Takt, eine einheitliche, vollkommene Schönheit.
Ich wurde mir mitmal folgender Sache bewusst: Das Mädchen, das mir auf dem Fahrrad entgegenkam, hatte ebenfalls Kopfhörer in den Ohren. Der junge Mann, der mit mir in den Bus stieg, auch. Viele Menschen.
Ich frage mich, was sie wohl hörten. Hörten sie Rock, der ihre Aufmerksamkeit aus der Welt stahl? Hörten sie traurige Filmmusik, die jeden Menschen, dem sie begegneten, in ihrem Geist mit einer tragischen Geschichte verband? Sahen sie mich tänzeln? Passte mein Tänzeln wohl zu ihrem Takt? Wie sieht ein Mädchen in einem roten Herbstmantel aus, für jemanden, der Jazz hört, oder für jemanden, der Metal hört? Wie sieht die Welt meiner Mitmenschen wohl aus?
Ich kann es nicht wissen. Sie tragen Kopfhörer, und ich kann nicht hineinhören, was sie hören.
Genauso wenig, wie ich in ihre Gedanken sehen kann.
Je suis malade
Ein neuer Tag hat sich wieder magisch sekundenschnell in tiefste Nacht verwandelt. Ich sitze am Schreibtisch, wie eh und je, an diesem Platz, der mein angestammter Platz ist, den ich nicht verlassen werde. Vor den Fenstern hängt in dicken Spinnennetzen die Nacht und lässt mich nicht hinaus, und irgendwo hinter der Nacht ist alles, was mir in der Vergangenheit begegnet ist.
Vielleicht gebe ich irgendwann ein Fest, und dann lade ich alle ein, die ich einst geliebt habe. Es wäre lustig.
Meine Wohnung sieht aus wie ein Schlachtfeld. Da hinten sehe ich die sterblichen Überreste zweier Fünf-Minuten-Terrinen neben einander. Verstreut liegen die leeren Hüllen von Ferrero Küsschen auf meinem weiten Tisch, und in einem Teller vertrocknet mahnend das Skelett einer Weintraubenrebe.
Ich will nicht sagen, irgendwas liefe schief. Es läuft sehr gut gerade. Nur kann ich eben nicht aufräumen, weil meine Hand ja verletzt ist.
Ich bekomme sehr viele Jobangebote zur Zeit, was ich auch anfasse, es hat Erfolg.
Nur meine Hand bleibt eben ungeküsst.
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