Buchrezension: "Der Großinquisitor" – F. M. Dostojewski

Was soll ich in einigen Worten zu diesem Buch sagen.

Ich habe es gestern beim Abendessen gelesen. Es ist nicht lang. Es ist nichtmal wirklich ein Buch, sondern ein Auszug aus Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“. Aber zurecht hat man die Legende vom Großinquisitor als Einzelband veröffentlicht.

Dieses Büchlein ist einer der tiefstschürfendsten, vernichtensten Kommentare zum Glauben an sich, den ich je gelesen habe. Der Inhalt ist der Folgende:
Jesus kehrt auf die Erde zurück und geht durch das Sevilla des 16. Jahrhunderts und der Heiligen Inquisition. Obwohl er kein Wort sagt, wird er von allen erkannt. Der Großinquisitor lässt ihn verhaften und bestellt ihn zum Verhör. Dort erklärt er ihm, dass er kein Recht habe, auf die Erde zurück zu kommen und die Ordnung, welche die Kirche in über tausend Jahren errichtet habe, zu stören. Er erklärt Jesus Christus – einleuchtend – warum er die Menschen eigentlich nicht liebt, warum er zu viel von ihnen erwartet. Warum die Kirche die Menschen wirklich liebt.
Dabei bezieht er sich auf Jesu Zeit in der Wüste, als ihn der Teufel 40 Tage lang versuchte. (Matthäus 4).
Jesus lehnte die Versuchungen ab, und damit, wie Iwan Karamasow im Roman behauptet, die drei Mittel, um die Menschen für sich zu begeistern und zu führen: Das Wunder, das Geheimnis und die Autorität. Er erwartet von den Menschen, dass sie ihm auch ohne dies folgen, durch die Freiheit ihrer Liebe allein. Dass sie dafür auf das „irdische Brot“ verzichten. Doch der Großinquisitor besteht darauf: Der Mensch ist dafür zu schwach. Er will diese Freiheit nicht, sie quält ihn, da er zwischen Gut und Böse wählen muss. Und ohne das irdische Brot könne man keine Tugend von ihm erwarten. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“. Die Kirche allein weiß um diese Schwäche des Menschen und liebt nicht nur die Starken, die sich vom Irdischen lösen können, sondern alle, also auch die Schwachen. Und sie erlaubt ihnen die Sünde, die zu meiden sie zu schwach sind, und sie nimmt sie damit auf sich und leidet für die Menschen. Also Gottes Liebe im eigentlichen Sinne!
An all das glaubt der Inquisitor und all das spricht er mit Leidenschaft und Bitterkeit und verbietet Jesus noch etwas zu dem hinzuzufügen, was er ohnehin schon gesagt hat. Damals.
Jesus Christus schweigt. Erst als der Inquisitor fertig ist und eine Antwort erwaretet, irgendeine Antwort, erhebt er sich schweigend, küsst den Inquisitor und dieser lässt ihn gehen. „Kehre nie wieder! Nie!“

Hier ist mir eine Wahrheit offenkundig geworden, die ich so nicht wahrhaben wollte. Zwar glaube ich nicht an Jesus Christus doch aber an Gott. Und wirklich – sollte das, was er von uns erwartet, eine zu hohe Erwartung sein? Sollte er die Schwachen, die Sündigen weniger lieben, dass er sie mit einem Gewissen quält?
Sicher ist hierin keine Wahrheit. Man sucht sie vergebens. Es ist ein Gedanke. Ich entnahm aus diesem Buch das Folgende:

Edel ist, wer liebt und denkt. Wer aber durch die Liebe über den Gedanken erhaben ist, der glaubt wirklich.

Insgesamt finde ich dies sehr lesenswert. Es ist nicht nur hintergründig und philosophisch, sondern sogar prophetisch bis in unsere Zeit.

Außerdem dauert das Lesen bestenfalls eine Stunde.

Rebekka vor dem Inquisitor

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15 Kommentare zu “Buchrezension: "Der Großinquisitor" – F. M. Dostojewski

  1. Linus sagt:

    Ich, der vielleicht allenfalls an die historische Person des Jesus, nich aber an einen Gott, glaubt, frage mich:

    „Wer aber durch die Liebe über den Gedanken erhaben ist, der glaubt wirklich.“

    Heisst das nicht, dass nur die dummen zu ‚wirklichem Glauben‘ fähig sind?

    ;-)

  2. afelia sagt:

    Dass die Liebe über den Gedanken erhaben ist, muss ja nicht heißen, dass der Gedanke beträchtlich schwach ist. Es kann auch die Liebe beträchtlich stark sein.

    Aber es hieß natürlich schon immer, dass dem Bauern das Glauben leichter fiele als dem Philosophen.

  3. Fishy sagt:

    Einen Gruß an die Autorin der Rezension, den erbaut direkt am anfang einen schwerwiegenden Fehler Dostojewski war selber glkäubiger Christ und würde seinen Glauben an sich nie bzw. nur in sehr schwer wiegenden fällen kritisieren.

    Das Kapitel „Die Legende vom Großinquisitor“ muss man deshalb als Kritik, und diese ist wirklich herbe, an der kath. Kirche betrachten.

    Ich möchte mich an dieser Stelle als Protestant outen aber trotzdem hinzufügen das im letzten Teil ihrer Rezension in überaus treffendes Fazit getroffen wurde, denn das was im 16 jahrhundert die kath. Kirch gemacht hat beginnt jetzt auch über evangelisch lutherische Kirche (meine) hereinzubrechen, es kommt nämlich zu Spannungen zwischen den Kirchenführern und der Basis, ähnlich wie im Romanauszug.

    _______________________

    Wer Rechtschreibfehler findet darf sie behalten.

  4. malavita sagt:

    Le debolezze dell‘ uomo sono tutte sviscerate in questo grande capolavoro di letteratura.

  5. Bernd Boeske sagt:

    Ihre Interpretation ist eine sehr großzügige, Marina, denn scheint es nicht eher der Fall zu sein, daß Iwan bloß mit der religiösen Verblendung rein literarisch spielt, weil er – zumal im Rußland des 19. Jahrhunderts – keinen anderen Stoff zur Verfügung hat ?! Aber Aljoscha, das ist doch bloß ein Poem, sagte Iwan sinngemäß, als der ihm zuvor vorwarf, er würde nicht an Gott glauben. Dies kann man vergleichen mit der realen Gestalt des Malers Tübke aus der ehemaligen DDR, dem sein großes Rundbild von der SED-Führung nur deshalb genehmigt wurde, weil er auch nur malend spielte mit der ideologischen Verblendung …
    Allein das Spiel mit der Verblendung führt zum Irrationalismus wie Ihre Schlußfolgerung zeigt, denn ein Gefühl wie Liebe entspringt immer dem Gedanken, nicht mal dem animalischen Bewußtsein mit seinen Instinkten für die physiologischen Bedürfnisse.
    Übrigens, welches „Wunder“, welches „Geheimnis“ und welche „Autrorität“ waren da wohl am Werk ? Als ich auch nach der Reiterarmee suchte, fand ich das Buch ausgerechnet und direkt neben dem Roman von Dostojewski in meinem Bücherschrank.

  6. Oh, Dostojewskij! Ich gehe voll mit der Rezension mit, obwohl ich, der alles von Dostojewskij gelesen und geliebt hat, meine, dass noch viel, viel mehr in der Erzählung steckt. Schön zu wissen, dass jemand, der die einzige, heutzutage noch wählbare Partei vertritt, auch literarisch richtig was drauf hat.

  7. Wolfgang Pfeifenberger sagt:

    Ich war als Kind lange Zeit in einer diakonischen Einrichtung, wo es vor Glauben nur so troff. Dennoch wurde ich schon als 4-jähriger skeptisch. Der Grund war interessanterweise ein ästhetischer. Ich hörte jeden Morgen auf unserem kleinen Röhrenradio eine 5 Minuten-Glaubenssendung. Ich entdeckte ein Muster, dass ich die unvermeidliche Induktion Gottes nenne. Erst kam eine mehr und weniger belanglose Geschichte aus dem Alltag und dann irgendwann war er da: Gott. Meistens war es Minute 4, manchmal auch erst 5. Immer das gleiche langweilige Muster, immer die gleiche sprunghafte Induktion. Nie am Anfang, immer erst durch die Hintertür am Schluss.
    Viel später gesellte sich noch ein weiterer Ablehnungsgrund hinzu. Mir dämmerte, dass wir Menschen dazu neigen, unsere Welterfahrung zur Basis unserer Ontologien zu machen. Hatten wir viel mit großen Raubtieren zu tun, wurden diese unsere Götter. Beherrschen wir handwerkliche Tätigkeiten wird unser Gott ein Schöpfergott. Im Kreationismus findet dieses Denken ihren absurdesten und widerlichsten Ausdruck.
    Hier empfehle ich Lewis Black zur Psychohygiene: http://www.youtube.com/watch?v=w0gAcbAGPH4

  8. Stoffel sagt:

    Ich aber sage:
    Wer aber durch die Liebe über den Gedanken erhaben ist, der lebt wirklich.
    ;-)

  9. Glaube hat viele Gesichter. Sobald er mit Machpolitik vermischt wird, geraet das Gesicht allerdings zur Fratze. Die Inquisition war eine ihrer haesslichsten. Dostojewski war ein grosser Denker und hat im „Grossinquisitor“ Jesus selbst die Fratze der Machtpolitik wortlos hinterfragen lassen. Die alte Kirche wollte keine eigenstaendigen Denker, Jesus selbst wollte sehr wohl eigenstaendige Denker. Die alte Kirche war nicht emanzipatorisch, sie war (und ist leider oft immer noch) bevormundend statt lehrend, beherrschend statt leitend, arrogant statt begleitend.
    Diese Erscheinungsform von Machtorganisationen laesst sich uebrigens an vielen Beispielen beobachten: Sozialistische Parteien, Christliche Parteien, Armeen, Medien jeglicher Art.
    Bitte versteht Dostojewski und andere Denker auch als Anfrage an euch selbst und die Machtsysteme, in denen ihr steckt. Mancher Revolutionaer ist aufgewacht auf dem Diktatorenstuhl!
    Der Kampf fuer Recht, Gerechtigkeit, Wahrheit, Transparenz, Gleichberechtigung etc. findet an vielen Stellen statt und ist nicht beendet mit der Niederschlagung eines bestimmten politischen oder religioesen Systems, sondern findet dauerhaft statt, und er findet in den Menschen statt. Die wesentliche ethische Grundlage, die unser „westliches“ Denken beeinflusst hat, ist die Bergpredigt des juedischen Rabbi Jesus.

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