Internationaler Kongress der Verdammnis

Ich habe in letzter Zeit nicht täglich aktualisiert. Ich habe gearbeitet.

An der psychologischen Fakultät der Universität Münster fand der ‚IV. International Congress of Inntelligence and .Creativity‘ statt. Organisiert von den Universitäten in Münster, Paris und Moskau, größtenteils besucht von Russen. Und ich mittendrin.

Da ich die einzige war, die in unserer Arbeitseinheit russisch sprach, musste ich alle 4 Tage, die es dauerte, anwesend sein und die Professoren betreuen. Dabei ergab sich viel Lehrreiches – und viel Komisches.

Mittwoch

Noch hat nichts offiziell angefangen. Am Mittwoch fand nur ein Workshop statt, an dem ich nicht teilgenommen habe. Direkt im Anschluss an meine letzte Vordiplomsprüfung für dieses Semester saß ich am Empfang und hielt Aufsicht über die Kaffeemaschine auf dem Buffet. Die Russen kamen an und langsam, langsam, kam man ins Gespräch. Am Abend haben unsere Professoren es tatsächlich geschafft, in das Restaurant, in dem ein inoffizielles Come-Together stattfinden sollte, vorzufahren, ohne dass man den Russen bescheid gesagt hätte, wie sie hinkommen.
Ich brachte sie also hin und sie folgten mir wie die Küken von Lorenz.
Im Restaurant wurde ich überredet, da zu bleiben und hatte einen sehr angenehmen Abend. Ein Tisch war größtenteils mit den Deutschen besetzt, ein anderer Tisch mit den Russen und einem Deutschen, was die Aufgabe für mich erschwerte, denn ich saß natürlich mit am zweiten Tisch. Es war eine sehr lustige, heitere Runde (im Gegensatz zum anderen Tisch, wo die Zeit mit Diskussionen über Psychologie verschwendet wurde) und im Anschluss an einige deutsche Bier wurden Witze ausgetauscht. Das wäre gut, wäre der Deutsche nicht so neugierig darauf, was die Leute erzählen. So wurde ich Konversationsmittelpunkt wider Willen und bespaßte, drei Sprachen jonglierend, die Gemeinschaft als Übersetzerin/Entertainerin.
Als die Leute erfuhren, dass ich am Morgen eine Prüfung hatte, riefen sie fröhlich-betrunken: „Warum hast du uns nichts früher gesagt? Wir wären mitgekommen! Als Unterstützung!“
Ich stellte mir kurz die Szene vor, wie ich in den Raum zur Prüfung eintrete, hinter mir her acht etablierte Professoren der russischen Staatsuniversität Lomonossovs. „Ich habe mir nur etwas Unterstützung mitgebracht.“ Ich musste lächeln.

Donnerstag

Die Leute sprechen mich mit „Sie“ und „Marinotchka“ an. Ich habe eine Privatvorlesung von Vladimir Michailowitch Petrov erhalten, der eine ganze Stunde am Empfang herumstand und mir unter energischen Vorträgen über die Pereodizität von Psychologischen Funktionen über die Geschichte hinweg einen Zettel mit Grafiken und Literaturangaben vollkritzelte.
Ich habe außerdem Elena Nikolaeva kennen gelernt, eine kleine, ältere und unheimlich lebhafte Frau, die sich wacker für die Gute Seite der Wissenschaft schlägt und Busfahren sehr hasst. Wir haben uns sehr lange Zeit unterhalten; ihre Kollegin beschloss, sich eine Wohnung in Münster zu kaufen und konsultierte mich in diesem Belang. Ich kenne nun alle Lebensverhältnisse der Leute, ihre Kinder, ihre Ehemänner, wen sie mögen, wen sie hassen, bei wem von Ihnen seinerzeit Eysenck und Maslow übernachtet hatten. Meine deutschen Kollegen fragten mich schließlich, seit wievielen Jahren ich die eigentlich kannte. Zum guten Schluss habe ich unseren Professor Schäfer auf russisch angesprochen und ihn einige Minuten zugetextet, ehe er sanft einwarf: „Die andere Sprache, Frau Weisband. Die andere Sprache.“
Ich brauhe Urlaub.

Freitag

Morgens werde ich von einer der jüngeren und sehr freundlichen Russinen angesprochen:
„Marinotchka…. wir haben hier eine sehr russische Bitte an Sie. Herr Schäfer hat uns Poster von dem Kongress versprochen und wir haben da oben im Treppenhaus, wo die Bauarbeiten sind, so Papprollen von Tapeten liegen sehen. Meinen Sie, Sie könnten uns so welche besorgen? Ist ja zu peinlich, einen Deutschen danach zu fragen….“
Ich also, pflichtbewusst wie immer, renne auf die Baustelle, frage dort alle Bauarbeiter nach ihrem Chef und wen ich fragen kann… Und natürlich ist das gar kein Problem, im Container sind sogar noch viel mehr. Der Hahn im Korb klettert also in den 2 Meter hohen Container hinein und schmeißt dort immer wieder eine dieser Rollen hinaus. Ich, in meinem feinen schwarzen Kleid, mit meinem offiziellen Namensschildchen, auf dem  auf Englisch meine Zugehörigkeit zum Kongress ausgeführt ist, renne, mit Baurollen unter dem Arm, über die Baustelle. Pflicht eins erfüllt.
Später bin ich bei einem Vortrag unglücklich zwischen die Fronten einer wissenschaftlichen Debatte zwischen Nikolaeva und Petrov geraten, die beide nun sehr wenig von einander halten. Bezeichnend übrigens. Obwohl ich schon seit zwei Jahren studiere, habe ich keine Ahnung, wie meine Professoren zu einander stehen. Von den Russen wusste ich es am ersten Tag.
Ich wurde von einer Kiever Professorin gebeten, ihre Folien zu überarbeiten und sie bei ihrem Vortrag möglicherweise ein klein wenig zu unterstützen, falls jemand Fragen hat. Denn Englisch spricht sie nicht; der Vortrag sollte der einzige auf deutsch sein.
Als es dann soweit war, war auch alles da – außer deutschem Auditorium. Stattdessen saßen im Publikum Russen, Italiener, Türken.
Flink wie Italienerinnen sind, kam Prof. De Caroli schnell auf eine gute Idee: Ich könne ja den Vortrag synchron übersetzen. Heh. Gute Idee.

Nachdem ich also keine Wahl hatte, führte die Ukrainierin ihre in schwerem Akzent gesprochenen, ellenlangen, verschwachtelten deutschen Wissenschaftssätze aus, um anschließend mir die Möglichkeit zu geben, panisch alles, was ich mir aus diesem Wirrwarr irgendwie habe merken können, ins Englische zu übersezten. Wäre der Vortrag nicht über musikalische Kreativität gewesen, hätte ich wohl sogar alle Wörter gekannt.  Ich erinnere mich daran, währenddessen gedacht zu haben:
‚Gott… Sie bewegt ihre Lippen. Das heißt, sie redet. Oh nein, das muss ich gleich übersetzen… dann muss ich ihr zuhören… ich kann doch nicht etwas übersetzen, wo ich nichtmal zugehört habe. Ohje, warum redet sie nur immer weiter? Warum bewegt sie ihre Lippen? Was sagt sie??‘

Kurzum, mit letzter Kraft habe ich mich eine Stunde lang gequält, aber eine (laut ihrer Kollegin) adäquate Übersetzung hinbekommen. Und ausgerechnet bei diesem Vortrag war mein Chef natürlich nicht anwesend. Klar. Ich bin nach Hause getorkelt und ins Bett gefallen.

Samstag

Durch ein Wunder wissen alle von meiner gestrigen Heldentat. Ich werde überschüttet mit Anerkennungsbezeugungen. Heute kam eine sehr bekannte Psychologin aus Yale an, Grigorenko. („Ich muss ihnen zu diesem Namen wohl nichts sagen!“ – Mein Prof.)
Diese sehr anerkannte Professorin hielt einen wahnsinnig interessanten Vortrag über die Erfassung von Kreativität mit Hilfe eines neuen, von ihr Entwickelten Instruments.
Ich traute mich lange Zeit nicht, sie anzusprechen, da es sogar für Nikolaeva wohl eine Ehre war, mit ihr zu sprechen. Was sollte ich Studentin da sagen…
Aber in einer Kaffeepause sagte ich ihr dann doch, dass ich ihren Vortrag sehr inspirierend gefunden habe und dass ich selbst gern später in diesem Gebiet arbeiten will.
Am Ende dieses Gespräches hatte ich das Angebot, an der deutschen Version dieses Instrumentes zu arbeiten.
Ich dachte, dass eine Zusammenarbeit mit Yale im 5. Semester garnicht so schlecht klingt und überzeugte prompt meinen Professor.

Dann wurde sich verabschiedet, denn die Konferenz endete. Ich wurde mit Visitenkarten und Einladungen nach Moskau beworfen, von mir verabschiedete man sich mindestens so ausführlich, wie von meinen Chef. Es war ein warmer Abschied, und für mich das Ende einer wahnsinnig anstrengenden und interessanten Zeit.

2010 findet die Konferenz in Moskau statt. Man hat mir von Moskauer Seite erklärt, man werde meinen Chef dort nicht ohne mich hinlassen.

Der Brief

Der Brief

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4 Kommentare zu “Internationaler Kongress der Verdammnis

  1. Arienna sagt:

    So muss das laufen.
    Ich gratuliere Dir zu diesem Erfolg :)

  2. sigerics sagt:

    Liebe Marinotchka,

    das war sicher ein faszinierendes Erlebnis, so eine Art Flooding, das Deine Hirnstrukturen verdichtet. So war es doch, oder nicht? Entschuldige, ich bin Laie.

    Aber ein sehr interessierter einer: Habt Ihr auch darüber gesprochen, wie eigentlich Gedichte im Gehirn eines kreativen Menschen entstehen? Das Bild, die Worte, die Verse, die Form? Gibt es Arbeiten zu diesem Thema, die man sich einmal anschauen könnte?

    Und ein Erfolg für Dich war es ganz sicher. Ich kenne solche Assistenztätigkeit bei Kongressen, in Vorständen und an Hochschulen aus eigener Erfahrung und sage Dir: Es ist der Weg nach oben. Deshalb ein herzlicher Glückwunsch auch von mir.

    Herzliche Grüße,
    Sigmar

  3. Marina sagt:

    Hallo Sigmar,

    eine komplizierte Frage hast Du da gestellt. Sie umfasst sehr viele Bereiche. Wie Du Dir bestimmt denken kannst, ist das Dichten kein einzelner Prozess.
    Ich kann Dir erklären, wie Sprache insgesamt entsteht, für den Anfang.
    Am Anfang ist die Idee. Die Idee will formuliert werden. Wir formen dazu zunächst eine Struktur, die Struktur eines Satzes oder eines Verses. Subjekt – Verb – Objekt, wäre die einfachste. Der Dichter bestimmt aber auch das Versmaß, den Rhythmus, die Länge.
    Dann bedienen wir uns der Fülle unseres mentalen Lexikons, in dem alle Worte, die wir kennen, mit semantischen und phonetischen Verknüpfungen miteinander verbunden sind. Auch hier arbeitet der kreative Dichter akribisch: Er sucht von vielen möglichen Synonymen eben dasjenige, das ins Versmaß passt und den Nagel auf den Kopf trifft. Diese Suche dauert beim Dichten erheblich länger als beim Sprechen.
    Kreativität bedeutet hier, ungewöhnliche Worte für ein und denselben semantischen Zusammenhang zu verwenden.
    „Der durchsichtige Schnee roch nach Schmerz“ ist eine phrase, die wir im Alltag (wenn wir es überhaupt könnten) deutlich anders ausdrücken würden.
    In der nächsten Stufe werden die phonetischen Eigenschaften der Worte abgerufen, um die Sprachmelodie zu formen. Hierbei muss auf Reime und insgesamt passenden Klang geachtet werden. Passt er nicht, kehren wir zur vorherigen Stufe zurück und tauschen die Worte aus.
    Wenn diese Prozedur beendet ist, haben wir ein mehr oder weniger kreatives Gedicht.

    Folglich sind aus rein psychologischer, technischer Sicht die folgenden Eigenschaften für einen kreativen Menschen gegeben sein:

    1. Die Idee: Er sollte etwas einzigartiges zu sagen haben, also eine Idee, die andere so noch nicht formuliert haben. Das gilt auch für Ideen, die vollkommen alltägliche Dinge erzählen.

    2. Die Form: Der talentierte Dichter wählt eine Form, die seine Idee stilistisch untermalt. Hier spielt Kreativität allerdings keine so große Rolle, solange man es sich nicht zum Ziel macht, eine neue Form zu finden.

    3. Der Wortschatz: Je mehr Worte ein Mensch kennt, desto passendere und präzisere findet er und fügt sie besser in Versmaß und Reim. Der kreative Mensch bedient sich ungewöhnlicher Worte, um semantisch bekannte Sachverhalte zu beschreiben.

    (4. Der Ausdruck: Wenn der Dichter seine Werke vorträgt, kann er in seiner Stimme mehr oder weniger Ausdruck und Leidenschaft haben. Das ist auch keine Frage von Kreativität, eher von Emotion und / oder Technik.)

    Ich hoffe, so eine kurze Übersicht beantwortet deine Frage vorerst.

    Liebe Grüße,
    Marina

  4. sigerics sagt:

    Liebe Marina,

    Deine Erklärungen sind tatsächlich sehr erhellend. Vor allem das stufenweise Zusammenwirken von semantisch-rationaler und musikalisch-ästhetischer Bewußtseinsebene ist hier ausgesprochen klar beschrieben.

    Nur ergänzend sei angemerkt, daß es in Form der Dadaistischen Lautgedichte lyrische Texte gibt, bei denen die symbolische Bedeutung der Worte völlig negiert und vielmehr ausschließlich mit Phonetik und Vokalmelodie gearbeitet wird. Aber das ist ein Sonderfall. Deine übersichtliche Zusammenfassung entspricht ganz meiner eigenen Erfahrung mit regulären Gedichten.

    Nur, sage mir, o weise Meerjungfrau Marina: Wie entsteht am Anfang des Prozesses, bevor die Sprache durchgeformt wird, die Idee, die Metapher? Gibt es darüber auch bereits Untersuchungen?

    Herzliche Grüße,
    Sigmar

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