Je suis malade

Ein neuer Tag hat sich wieder magisch sekundenschnell in tiefste Nacht verwandelt. Ich sitze am Schreibtisch, wie eh und je, an diesem Platz, der mein angestammter Platz ist, den ich nicht verlassen werde. Vor den Fenstern hängt in dicken Spinnennetzen die Nacht und lässt mich nicht hinaus, und irgendwo hinter der Nacht ist alles, was mir in der Vergangenheit begegnet ist.
Vielleicht gebe ich irgendwann ein Fest, und dann lade ich alle ein, die ich einst geliebt habe. Es wäre lustig.

Meine Wohnung sieht aus wie ein Schlachtfeld. Da hinten sehe ich die sterblichen Überreste zweier Fünf-Minuten-Terrinen neben einander. Verstreut liegen die leeren Hüllen von Ferrero Küsschen auf meinem weiten Tisch, und in einem Teller vertrocknet mahnend das Skelett einer Weintraubenrebe.

Ich will nicht sagen, irgendwas liefe schief. Es läuft sehr gut gerade. Nur kann ich eben nicht aufräumen, weil meine Hand ja verletzt ist.
Ich bekomme sehr viele Jobangebote zur Zeit, was ich auch anfasse, es hat Erfolg.
Nur meine Hand bleibt eben ungeküsst.

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3 Kommentare zu “Je suis malade

  1. sigerics sagt:

    Liebe Marina,

    als ich dies Video gesehen hatte, mußte ich tatsächlich eine Träne wegdrücken, so intensiv hat sie ihre (echte oder gut gespielte) Verzweiflung herausgesungen. Ja, das muß manchmal sein. Ich weiß gut, wie weh Einsamkeit tun kann, wie gefangen und unvollständig man sich manchmal fühlt.

    Aber oft hat sie auch etwas Idyllisches. Z.B geht man dann einfach mitten in der Nacht (man weckt ja niemanden) an sein Bücherregal und zieht den Band mit den jiddischen Witzen heraus:

    „Frau Silbernagel führt die Gäste vor ein neu erworbenes Bild, auf welchem ein Wasservogel einsam umherschwimmt. ‚Es hat uns zweitausend Mark gekostet‘, verkündet sie, ‚es hat den Titel ‚Entlach allein.‘ ‚
    ‚Aber, Frau Silbernagel‘, wendet eine Freundin ein, ‚das ist keine Ente, das ist eine Gans!‘
    Frau Silbernagel, errötend: ‚Verzeihung, Sie haben recht, das Bild heißt ‚Gänzlach allein‘. ‚ “

    Lachen muß nämlich auch sein – gerade dann, wenn Vergänglichkeit und Hinfälligkeit, die unsichtbaren, ständigen Begleiter unserer Lebensfahrt, ihr Gesicht offen zeigen. Is eh alles nebbich – baruch Haschem!

    Solidarische Grüße,
    Sigmar

  2. Marina sagt:

    Ha, das verstehe ich, das ist ein Mensch von unserem Schlag. Gute Einstellung.
    Der Russe wie der Jude sind beide durchaus für diese Einstellung bekannt, die in vielen Witzen aus der Sovietzeit geschildert wird.

    Der Rabbi von Berestetchko wurde von den Faschisten an den Händen an die Wand der Synagoge genagelt. Als der Angriff vorbei war, trauten sich einige seiner Gefolgsleute schüchtern aus ihren Verstecken und kamen auf ihn zu:
    „Rebe… tut das weh…?“
    Und er: „Hn hn….. nur wenn ich lache…. hnhn…“

  3. sigerics sagt:

    Oh, zum Thema Nageln hätte ich noch einen, diesmal etwas weniger masochistisch:

    „Schloime, was ist das: es hängt an der wand, ist grün und pfeift.“
    „Nu – sag schon, was da mag hängen.“
    „Ein Hering.“
    „Unsinn! der hängt doch nicht an der Wand!“
    „Kannst ihn hinhängen.“
    „Und grün ist er auch nicht!“
    „Kannst ihn anstreichen.“
    „Und pfeift er doch nicht!“
    „Nu – pfeift er halt nicht.“

    Hat eigentlich jemand diese Lebenseinstellung sozialpsychologisch analysiert? Wäre doch ein Thema für Dich!

    GLG

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