Mein unsichtbarer Freund

Ich habe einen unsichtbaren Begleiter.
Manchmal, wenn ich über die regennasse Straße gehe, lächle ich ihm zu, oder ich witzele, damit der Tag nicht so trüb wird. Manchmal ist mir, als hielte sich seine Hand.
Wenn ich Zeit mit meinen Freunden verbringe, lasse ich ihn meist unerwähnt. Muss ja nicht jeder wissen. Aber bei mir ist er trotzdem. Sogar wenn ich Angst habe, dass meine Freunde alle fortgehen. Sogar wenn die ganze Welt mich verlässt.
Er ist immer da.
Wenn nach der Party die Leute gegangen sind, wenn die Wohnung leer ist, ist er noch bei mir. Dann lehne ich mich traurig an seine Schulter und er streicht mir über den Kopf. Wer auch immer geht – er wird immer bei mir sein.
Er liebt mich. Ganz genau wie ich bin. Liebt mich unsterblich.
Wenn ich einen Fehler gemacht habe, sieht er mich streng an. Dann verstehe ich sofort. Ihm kann ich nichts vormachen, kann ihn nicht belügen, aber das will ich auch nicht. Denn ich liebe ihn auch sehr.
Nachts fühle ich auf meiner feuchten Wange seine warme, trockene Hand. Dann weiß ich, dass alles in Ordnung ist.
An einem freien Nachmittag gehe ich in die Kirche, dann setze ich mich in eine Bank und atme die Luft ein.
Dann sitze ich einfach nur da; ich sehe ihn an, er sieht mich an –
und sollen sich die Touristen wundern….

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5 Kommentare zu “Mein unsichtbarer Freund

  1. Regenmädchen sagt:

    Ist dieser jemand für Dich Gott?
    Oder eine Art Phantasiefreund?

  2. Regenmädchen sagt:

    Anders:
    Eine übergeordnete Macht, die irgendwo auch real vorhanden ist,
    oder ein bewusst ausgedachtes Wesen?

    • Marina sagt:

      Hmmm… bewusst ausgedacht oder existent…
      Ich weiß es nicht.
      Ich glaube, als ich die Zeilen schrieb, ging es mir auch garnicht darum.
      Es ging mir eher um das resultierende Gefühl. Die Gewissheit, dass jemand da ist. Ohne zu fragen, wer es ist. Ohne zu fragen, woher er kommt.
      Ich glaube, viele Menschen sehnen sich nach so einem Begleiter. Manche denken sich unsichtbare Freunde aus (fast jedes Kind hatte irgendwann einen), manche beten zu Gott… Vielleicht stelle ich mir so auch eine otimale Beziehung zu Gott vor.

      Manchmal bin ich glücklich, weil in dieser Welt, die mich umgibt, immer ein Platz für mich eingerechnet ist. Wäre ich nicht hier, wäre hier ein Ich-förmiges Loch, in das ich haargenau passe, ein Platz, an dem ich willkommen bin.
      Dieses Gefühl der Geborgenheit, des Gemocht-Werdens… darum ging es mir.
      Meine Großmutter erklärte mir, es gäbe drei Stufen der Beziehung zu Gott.
      Die erste Stufe ist die Berechnende. „Ich gebe Dir was, und Du gibst mir was.“
      Die zweite Stufe ist der Knecht. „Ich fürchte dich, darum bin ich dein treu dienender Sklave.“
      Die dritte Stufe, ist die Liebe. „Du bist mein Vater und ich liebe dich, und darum will ich nicht sündigen.“

      Ich denke, ich sprach von Gott.

  3. Regenmädchen sagt:

    Wow… das liest sich unglaublich stark. Ich weiß, dass Du was dafür getan hast, um einen Platz in der Welt zu haben, und trotzdem schreibst Du da nichts logisch-berechnendes, kein Ego-Oppurtunismus, sondern von einem positiven Weltbild, Geborgensein….

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