Offener Brief an einen Freund

Mein lieber Freund,

du fragst mich, warum du unglücklich bist.
Du sagst, du tust doch alles, um den Menschen zu helfen. Dein ganzes Leben befindest du dich auf dieser Suche nach etwas, und bekommst es doch nicht. Du bist doch ein guter Mensch. Du bist doch für alle da. Und manchmal beklemmt dich etwas in der Brust.

Du hast solche Angst davor, egoistisch zu sein, dass du dich für andere ganz opfern würdest. Und du fragst: Warum bricht es doch immer wieder aus mir heraus? Weshalb bin ich solch ein verdammter Egoist?

‚Genau darum‘, anworte ich dir, lieber Freund.

Du liebst alle Menschen so sehr, nur einer ist darunter, den du nicht liebst. Und dieser eine, die dreizehnte Fee, die nicht zum Fest geladen wurde, rächt sich. Dabei ist doch dieser eine der Wichtigste von allen.

Dein Innerstes, dein Heiligstes, ist dein eigenes Kind.
Entsinne dich. Du hast es selbst geschaffen. Du hast große Schmerzen auf dich genommen, und aus all deinem Leid, aus all deiner Erfahrung, hast du das geformt. Du hast ihm Leben geschenkt, in dir wird es Leben, bis du stirbst.
Das ist es, wofür du gearbeitet hast. Um das du dir Sorgen machst, wegen dem du Nachts nicht schläfst. Dass du es liebst, das bist du ihm schuldig.

Du fragst: ‚Weshalb tut es so weh, wenn jemand mich kritisiert?‘

Wie kannst du es zulassen, dass irgendjemand dich bewertet? Dass jemand dein Kind beleidigt, liebst du es denn darum weniger? Bist du wirklich enttäuscht, wenn dein Kind bei einem Wettbewerb nicht den ersten Preis bekommt?  Würdest du dein Kind für jemand anderen opfern? Würdest du es genau so behandeln, wie alle anderen Kinder auch?

Sein Eigenes liebt man immer mehr als das Fremde. So sind wir Menschen, und Menschen werden wir immer bleiben.
Niemand wird dich je so lieben können, wie du es selbst tust.
Du trittst auf deine Tränen und sagst dir, dass sie falsch sind. Dabei weint in dir doch der Teil, der deiner Aufmerksamkeit am meisten bedarf. Kann man zu egoistisch sein? Vielleicht. Auf jeden Fall kann man zu wenig egoistisch sein.

Höre in dich, in die kleine Stimme, die dort manchmal unbemerkt weint. Nimm sie in den Arm. Streichle über das feine Haar und sag: ‚Was auch immer geschieht. Ich werde dich immer lieben. Auf deine Wünsche werde ich achten. Ich werde dich mit strenger Hand erziehen, doch ich werde nicht zulassen, dass dir jemand ein Haar krümmt. Bei mir bist du sicher. Und nun lass uns diesen Wettbewerb verlassen. Dass dich jemand bewertet, haben wir nicht nötig. Lass uns anderen helfen gehen…“

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