Piraten in Kinderschuhen

Puh, wie mache ich das denn jetzt. Ich würde sagen, ich halte dieses Posting wahnsinnig oberflächlich und rase einmal quer durchs Themenbeet.  Zu Beginn:

Ich bin Pirat.

Jetzt, wo wir das geklärt haben, sind wir uns wohl einig, dass es Nach- und Vorteile hat, über einen Verein zu richten, dem man angehört. Der Nachteil ist, dass man ein wenig dazu neigen könnte, parteiisch zu sein. Der Vorteil ist allerdings die tiefe Einsicht, die man in die Materie bekommt und ohne die ich, wie Sie wissen, mir keine Meinung bilde.

Als ich das erste Mal an den Stammtisch der Piraten in Münster kam, hörte ich etwa folgenden Dialog:
„Wir brauchen stärkere Laser!“
„Ich glaub, die sind in Deutschland nicht mehr legal.“
„Wir könnten sie aus China bestellen.“

Aber die Piratenpartei strebt, wie ich inzwischen herausgefunden habe, doch nicht die Weltherrschaft an.
Was genau sie anstrebt, ist leider sehr vorurteils- und klischeebelastet. Laut Meinung vieler sind wir „die Jungs, die kostenlos ihre Filmchen runterladen wollen“. Im schlimmsten Fall jedenfalls.  Dabei unterstütze ich die tatsächlichen Ziele der Partei sehr (und bin nicht nur Mitglied wegen des Namens, wie der geneigte Leser vermuten würde.)

In a nutshell beschäftigt die Partei sich mit allem, was irgendwie Informationsverarbeitung zu tun hat. Naheliegend sind hier Datenschutz, Meinungsfreiheit, freier Zugang zu Wissen, aber auch mit transparenten politischen Prozessen und dem riesigen Bereich der Bildung. Im Zentrum steht die Vision, dass alles Wissen und alle Kunst, die die Menschheit sammelt und schafft, aller Menschheit auch frei verfügbar sei.  Aber die Erschaffer sollen auch entsprechend honoriert werden.

Am Lebendigsten erlebe ich in der Umsetzung das Credo der transparenten Politik. Alle Treffen der Piratenpartei finden an öffentlichen Orten statt und sind grundsätzlich öffentlich. An der Kommunikation im Internet darf jeder Teilhaben. Theoretisch gesprochen fällt in dieser Partei also kein Wort, das die Öffentlichkeit nicht mitbekommen könnte. Und jeder darf mitreden.

Das klingt soweit alles sehr gut. Aber in der Piratenpartei zu sein, hat Vor- und Nachteile. Vorteil ist die Möglichkeit, alles eben erwähnte mehr und mehr in die Tat durchzusetzen. Nachteil ist, dass es ziemliche Freaks sind.

Nicht, dass ich natürlich etwas gegen Freaks hätte. Auf persönlicher Ebene könnte ich mir keine angenehmeren Menschen vorstellen, mit denen ich zu tun haben wollte. Es ist nur leider so, dass in Deutschland von einer politischen Partei erwartet wird, dass sie… naja, nicht aus Freaks besteht.

Um es mal zu illustrieren:

Der typische Pirat an sich hat lange Haare und einen Bart. Sein Name beginnt mit einem @. Er trägt ein T-Shirt, über dessen Aufschrift Sie lachen könnten, oder nicht.  Sein durchschnittliches Gehtempo beträgt 4 km/h, das ist etwas unter dem menschlichen Durchschnitt, weil er gerade dabei ist, von seinem iPhone aus zu twittern. Sein Frühstück pflegt er gegen 14 Uhr einzunehmen, dafür twittert er sein „#gn8“ nicht vor 3.*

Das Problem mit solchen Leuten ist, dass die Öffentlichkeit nicht dazu neigt, sie als Politiker zu sehen. Und das, obwohl die meisten davon einen wachen und gebildeten Verstand haben.
Leider ist das Image bisher nicht das Beste, und ändert sich auch wenig, denn:
Piraten wohnen im Internet und stellen sich auch dort dar. Die Technikaffinität der Jungs (gut, der meisten) hat oft den Nebeneffekt, dass die analoge Aufklärung und Werbung oft zu kurz kommt. Aber die Öffentlichkeit ist bisher noch analog.  Als ich neulich Flyer verteilt habe, habe ich erst gemerkt, wie wenige Leute überhaupt von der Partei wissen. Gut, mehr als von den Violetten. Aber trotzdem.

Mehr noch schockiert, wie wenig Parteimitglieder von der Partei wissen. Das ist kein Scherz. In einer sehr treffenden Bemerkung wurde das bei der letzten Folge des Podcasts „Piratencafé“ erwähnt. Die Bildung des Piraten an sich in piratigen Angelegenheiten lässt oft zu wünschen übrig. Aus dem gleichen Grund, wie beim Rest der Bevölkerung. Wer sich mit der Materie beschäftigt, kennt sich damit gut aus. Er baut also Wiki-Seiten mit möglichst ausführlichen Informationen zu dem Thema, verschachtelt sie, benennt sie nach einem informatisch sinnvollen System. Es gibt hundertbillionenzilliarden Internetseiten mit Informationen über das Wahlprogramm und die Anschauungen. Und kaum ein Sterblicher weiß, wo sie sind. Ich will an dieser Stelle, um nicht abzuschweifen, auf einen Artikel von Bastian Greshake verweisen, der das gut und ausführlich behandelt hat. Hier.

Interne Bildung ist aber auch schwer zu organisieren.
Achja, die Organsiation…
Das ist auch alles nicht so leicht.  Dinge scheitern an der Realität, und während ‚Irgendjemand und noch ein paar‘ die Situation voll unter Kontrolle haben, wissen die eigentlichen Mitglieder oft nicht so recht, was Sache ist, was sie tun sollen, wer wann wo sein muss, und wenn er es weiß, kommt er zu spät.

„Obwohl“, zitieren wir gerne, „die Grünen haben auch mal so angefangen.“
Und das stimmt. Irgendwann waren alle Parteien mal jung und unorganisiert. Irgendwann waren die Grünen auch eine  Partei, die nur eine einzige Nische vertrat, nämlich die Ökolische. (Ich habe ein Wortspiel gemacht, haben Sie das gemerkt?)
Sicher, die Piraten haben mit dem Internet angefangen. Aber damit sprechen sie über etwas, über das bisher in der Politik wenig gesprochen wird. Sie sehen und integrieren die Zukunft in den politischen Prozess, sie machen ihn insgesamt schneller. Und sie weiten die Themen, mit denen sie sich beschäftigen, immer weiter aus.

Wir halten also fest, dass wir es hier mit einer Partei zu tun haben, die noch in ihrer Pubertät steckt. Sie trinkt, sie feiert, sie hat Spaß, sie glaubt an ihre Sache und sieht optimistisch in die Zukunft.
Ich finde, das kann sie auch. Denn da wird sie erwachsen, groß, und sogar, wenn sie nicht regiert, wird sie in der Politik das sagen, was zu sagen notwendig ist und was die älteren Herrschaften nicht im Blick haben. Es ist die Stimme unserer Generation, könnte man so sagen.  (2 Emmerich)

Ich bin gern bereit, die Partei genau jetzt, wo sie es am meisten braucht, zu unterstützen und auf einen Weg zu schicken, wo sie dann immer mehr Bürgern die Chance gibt, aktiv an ihrer Politik mit zu gestalten und genug Spaß dabei zu haben, um gegen die Verdrossenheit anzukommen.

Zuletzt will ich alle Frauen der Partei grüßen. Ich fühle mit euch beiden!

* Liebe Piraten, Wenn ihr mich für dieses Posting verprügeln wollt, tut das bitte nicht vor nächster Woche. Ich habe da so eine Art Date und will gut aussehen und meine Nase ungebrochen haben und so. Wäre echt total lieb. xoxoxo, eure Marina

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5 Kommentare zu “Piraten in Kinderschuhen

  1. Didiman sagt:

    Warum sollte Dich jemand für diesen Artikel prügeln wollen? Es ist, wie es ist. Proud to be a pirate.

  2. Fx sagt:

    Wenn Dich einer verhauen will, dann nehmen wir ihm sein iPhone ab.

    Was den typischen Piraten angeht: das sehe ich anders. Die die ich kenne gehen zu mehr asl dreiviertel als „normal“ (was auch immer das sein mag) durch. Natürlich kenne ich auch die beschriebenen Nerds. Aber ich denke, die Zeiten haben sich durch den Mitgliederzuwachs geändert. Ob das gut ist muss jeder selber schauen ;)

  3. Heiko sagt:

    Danke für diesen überaus erfreulichen, treffenden, erfrischenden, wahren, nett zu lesenden, einfach tollen und bei mir in die Bookmarls wandernden Beitrag.

  4. Irgendwann waren die Grünen auch eine Partei, die nur eine einzige Nische vertrat, nämlich die Ökolische.

    Nein. Die Grünen entstammen mehreren unterschiedlichen sozialen Bewegungen, nicht nur der Umweltbewegung. Unorganisiert und chaotisch waren sie am Anfang allerdings schon, was man so hört.

    Ansonsten interessanter Text.

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