Ode an Wuppertal

Ich bin wieder einmal in Wuppertal. Vier Jahre ist es jetzt her, dass ich hier weggezogen bin. Aber wie der Bus sich so den Berg hochmüht, stelle ich fest, dass sich kaum etwas verändert hat.  An denselben Häusern hängen dieselben Schilder und lassen sich vollregnen. Von den schalen Fensterläden dieser Stadt fließen die Spuren von vielen Jahren von Regen ohne Neuanstrich. Hin und wieder eröffnen sich zwischen den Häuserfassaden die alten, schönen Aussichten auf hügelige Wälder.
Ich hätte gedacht, wenn ich von hier weg bin und nur vier mal im Jahr zu Besuch komme, wird sich die Stadt mit jedem Besuch verändern. Aber ich stelle fest, dass es hier so ist, als sei ich nie weggewesen. Und ich bedauere es.
Das Entspannte an Wuppertal ist, dass ich mir hier keine Mühe zu geben brauche, gut auszusehen oder energisch zu wirken. Darauf achtet hier irgendwie niemand. Bei mir nicht, bei sich sind. Die Leute haben die Augen gesenkt und gehen ihren Tätigkeiten nach. Mittelmäßig, bescheiden, so Phil Collins.
Die einzige schilldernde Figur ist die etwa 50-jährige Transe neben mir, mit den Netzstrümpfen und der Alkoholikernase.
Nein, Wuppertal, du bist nicht schön. Du versuchst es nichtmal. Ich meine, wenn eine Stadt sich bemüht, auf fremde, naive Gemüter den Eindruck einer vernünftigen Stadt zu erwecken, dann fängt sie doch bestimmt am Bahnhof an. Dein Bahnhof hat bestenfalls etwas heimeliges. Man kennt jeden Penner hier beim Namen und die fetten Tauben und ihre Exkrimente und die Baustelle, an der sich seit 5 Jahren nichts getan hat. Ein öder Tunnel, hinter dessen zerbrochenen Glasvitrinen alte Werbeplakate verstauben. Die Sprayer waren hier aktiv, aber nur so halbherzig.
Ich bin fasziniert, wie Leute hier leben, wenn sie einmal die Luft einer echten Stadt gerochen haben. Wuppertal ist ja keine Stadt. Wuppertal ist sechs Dörfer. Über die Hälfte von Wuppertals Einwohnern ist älter als Wuppertal.*
Die Leute schimpfen über dich. Über deinen Regen und deine Menschen und deinen Verkehr. Und um ehrlich zu sein… auch ich habe nicht viel gutes zu sagen. Wuppertal. Die Stadt mit der höchsten Depressionsstatistik Deutschlands. Wuppertal. Dieses betonierte Nest in den Hügeln. Wuppertal. Wenn Münster die regenreichste Stadt ist, wurde Wuppertal von der Statistik gespült. Warum gibt es dich, und die alte Schule, und die alten Leute? Wie haben wir es damals alle ausgehalten? Wir machten Picknicks auf deinen Wiesen und tauschten auf deinen Schulhöfen tief enttäuschte Blicke aus. Es war okay. Solange man es halt nicht besser wusste.

Normalerweise enden meine Blogposts ja immer mit einem optimistischen, herzlichen Gedanken. Aber hier weiß ich nicht viel … nein, halt. Vielleicht das: Wer Wuppertal übersteht, der schafft es überall. Aus diesem Tal geht es nur noch bergauf! Wir müssen alle früher oder später über die Wupper gehen. Dann doch lieber früher, und man hat es hinter sich.

Lassen Sie sich von jemandem sagen, der in Wuppertal aufwuchs: Keine Stadt auf dieser Welt ist so hässlich und deprimierend, dass man sie nicht mit dem Herzen schön finden könnte.
Vorausgesetzt, man will es.

*möglicherweise.
—–

Hey! Plötzlich ist auf der Seite über mich ein FAQ aufgetaucht. Es ist vielleicht, oder auch nicht, spannend.

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