Der Fall Tauss

Jörg Tauss, ehemaliger Bundestagsabgeordneter der SPD und Mitglied der Piratenpartei, Internetkenner und Zensurgegner, wurde im Sommer 2009 wegen Besitz von Kinderpornographie angeklagt. Dabei handelte es sich um (niedrigqualitative) Bilder auf seinem Handy und zwei DVDs, die er nach eigenen Angaben aus Recherchezwecken bei sich lagerte. Als Reaktion musste er die SPD verlassen und trat später der Piratenpartei bei, der er thematisch seit Jahrzehnten ohnehin nahestand. Jüngst wurde sein Urteil gefällt, es lautet 1 Jahr und 3 Monate auf Bewährung wegen Besitz, sexuelles Interesse sei aber nicht feststellbar. Und so weiter bla bla.

Was mich interessiert ist ja gar nicht dieser Herr Tauss, der vielleicht oder vielleicht nicht tatsächlich ermittelt hat, um zu beweisen, dass Kinderpornographie nicht durch das Internet, sondern eher per Telefon und Post verbreitet wird.

Mich interessiert die Aussage vieler meiner Mitmenschen, öffentlich wie privat:

„Solange Herr Tauss Mitglied bei den Piraten ist, ist diese Partei (für mich) unwählbar.“

Meine lieben Freunde der Demokratie, was ist das denn für eine Aussage?

1. Wegen einem Mitglied einer Gruppe ist für euch die ganze Gruppe faul?  Was sagt ihr? „Gleich und gleich gesellt sich gern“? Aber ist euch denn nicht bekannt, dass Menschen manchmal mehr als eine Eigenschaft haben? Man kann zum Beispiel Verfechter der Demokratie sein UND pädophil oder kriminell oder homosexuell oder gar heterosexuell sein. Und manchmal hat das einfach gar nichts miteinander zu tun. Ich mag vermuten, dass in der Piratenpartei auch andere Leute sind, die irgendwas Illegales tun. Schon rein statistisch gesehen. Und da ist die Wahrscheinlichkeit bei der CDU oder der SPD sogar noch größer. Dafür kann doch die Partei nichts.

2. Ach, wir hätten ihn gar nicht erst aufnehmen sollen? Dazu Folgendes:

Möglicherweise ist Jörg Tauss ein pädophiler Krimineller. Möglicherweise ist er ein Politiker mit vollem Einsatz und berechtigt reinem Gewissen. Wisst ihr das? Ich nicht. Dafür weiß ich einfach zu wenig. Trotz SPIEGEL Online. Zum Glück müssen wir das ja auch nicht entscheiden, sondern das Gericht. Das kann entscheiden, ob jemand schuldig oder unschuldig ist und ihn dann gerecht bestrafen. Jede Strafe, die über die des Gerichtes hinausgeht, ist folglich ungerecht und bestenfalls subjektiv.
Jeder deutsche Bürger hat das Recht, in einer politischen Partei mitzuwirken. Wer sind wir, ihm dieses Recht abzuerkennen?

Sicher, es ist schlechte Publicity. Aber Publicity ist halt kein Selbstzweck. Wenn wir dafür Rechte von Menschen beschneiden, also das Gegenteil von dem tun, was auf unseren Fahnen steht, was sind wir dann als Partei wert?

Liebe Wähler, liebe Nichtwähler,

ihr könnt tun und lassen, was ihr wollt. Dazu ist die Freiheit ja da. Aber um Gottes Willen, denkt erst nach und geratet erst dann in Rage.

P.S.: Wer sich etwas faktischer informieren möchte, dem empfehle ich diesen Text hier: [Lesenswert]

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5 Kommentare zu “Der Fall Tauss

  1. Rolf sagt:

    mal endlich jemand der das ausspricht was ich denke

  2. Anon sagt:

    Die Piraten haben damals deutlich gesagt, dass für sie die Unschuldsvermutung an erster Stelle steht. Tauss wurde nun für schuldig befunden und die Piraten verteidigen ihren „pädokriminellen Großhelden“ nach wie vor. Das ist es, was das letzte bisschen an Glaubwürdigkeit verschwinden lässt.
    Bei Grün bin ich eh besser aufgehoben aufgrund des breiteren Themengebietes und der Wille auch mal was zu tun …

  3. Caligula sagt:

    „Man kann zum Beispiel Verfechter der Demokratie sein UND pädophil“

    Dem stimme ich durchaus zu. Das Problem bei Tauss ist aber auch, das er in einem Feld tätig war, wo sich die Interessen von Pädophilen und Demokraten überschneiden, so das letztendlich unklar blieb, ob er wirklich demokratische Motive verfolgte.

    Das Gericht wird die Sache auch nicht zufriedenstellend klären, denn für das zählt nur: Hat er widerrechtlich Kinderpornografie besessen oder nicht. Das „Warum?“ bleibt da auch im Dunkeln.

    Die Piratenpartei an sich hat ja schon durch ihren Namen (Pirate Bay) das Problem, das sie als Lobby für alle Internetkriminalität gesehen werden, da macht eine Person wie Tauss die Sache nicht besser.

  4. […] 6: Guter Artikel einer anderen Bloggerin zum Fall Tauss und Auswirkungen auf die […]

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