Bericht von der Veranstaltung „Migranten und das deutsche Schulsystem“

Ich hatte ja bereits erwähnt, dass ich am 26.11. eine Veranstaltung mit dem Titel „Migranten und das deutsche Schulsystem“ geleitet habe, die der Wuppertaler Elternverein 3×3 im Rahmen der lokalen Bildungsmaßnahme des MIGELO-Projektes organisiert hat. Hier folgt nun die Auswertung des Abends.

Anwesend waren etwa 30 Leute, Repräsentanten von Schulen, Ämtern, Hilfsorganisationen, Eltern, Migrantenverbänden und ehemalige Schüler.

Erläuterung der Ausgangssituation

Kinder von Migranten in Schulen stehen einmal wieder im Zentrum einer breiten öffentlichen Diskussion. Sie gelten als sozial schwächere Gruppe, als schlechtere Schüler, als Kinder mit störendem Verhalten.
Weil bei der Suche nach Lösungen oft an einander vorbei geredet wird und die engagierten Kräfte, die tätig werden wollen, möglicherweise oft nicht die eigentlichen Ursachen der Probleme sehen, wollen wir ein Forum schaffen, auf dem alle Beteiligten des Konflikts miteinander diskutieren und die Antworten auf folgende Fragen finden können:

  • An welchen entscheidenden Stellen nehmen die Probleme ihren Ursprung?
  • Wie werden diese Probleme wahrgenommen, wie bewertet?
  • Sprechen die Beteiligten überhaupt vom Selben, wenn sie nach Lösungen suchen?
  • Wie vermittelt man Migranten effizient Wissen über das Schulsystem, Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten?
  • Kann man Begegnungsstätten und Netzwerke schaffen, in denen deutsche und zugewanderte Eltern mit einander in Dialog stehen und arbeiten können?

Der Abend

Nach der Begrüßung und einer kurzen Einleitung präsentierte ich fünf Vorurteile, die sich gegen Kinder, bzw. gegen Eltern mit Migrationshintergrund richten. Ich bat die Anwesenden, jeweils zu zweit Stellung zu zweien der Vorurteile zu nennen und mögliche Gründe zu nennen. Jedes Vorurteil wurde auf einer einzelnen Karte begründet und eingesammelt. Im späteren Verlauf der Sitzung wurden die Karten ausgewertet und ließen sich in drei etwa gleich große Kategorien unterteilen: „Ich bin mit keiner der Aussagen einverstanden“, „Probleme hängen zusammen mit Mangel an Wissen / Sprache“ und „Probleme hängen zusammen mit Identität / Kultur“.  Die letzteren beiden sind also die wesentlichen Kategorien, auf die wir uns konzentrieren müssen, wenn es um Prävention geht.
Die Leiterin des Wuppertaler Elternvereins 3×3 e.V. stellte kurz den Verein vor und nannte seine Aktivitäten. Sie umriss auch die Ziele der aktuellen Veranstaltung.
Es folgte der Beitrag von Andrej B., der selbst mit 13 Jahren nach Deutschland kam und in die Hauptschule kam. Er schilderte die Ereignisse, die dahin führten, dass er schließlich sein Abitur bekam und sein Studium abschließen konnte. Allgemeiner präsentierte er schematisch das deutsche Schulsystem und wies auf dessen Komplexität hin. Sein Hauptpunkt war, dass das deutsche Schulsystem Migranten besser vermittelt werden muss. Um die Durchlässigkeit des Schulsystems entbrannte im Anschluss an den Vortrag eine lebhafte Diskussion.
Natalie L. berichtete von ihren Erfahrungen als engagierte Mutter an einer deutschen Schule. Ungeachtet ihres Migrationshintergrundes ist sie Klassenpflegschaftsvorsitzende und Kassenwärtin des Fördervereins der Schule ihres Sohnes. Ihr Bericht beinhaltete viele Gründe, warum man sich als Elternteil aktiv an der Schule seines Kindes beteiligen sollte und wie man das bewerkstelligen kann.

Im Anschluss wurde in die Podiumsdiskussion übergeleitet. Nach einer Vorstellung der Teilnehmer wurden die Schuldirektorinnen, die Repräsentanten des Jugendamts und der RAA sowie der wissenschaftliche Leiter des MIGELO-Projekts danach befragt, wie sich Kinder von Migranten von deutschen Kindern unterschieden. Die wichtigen Punkte, die dabei genannt wurden, waren, dass man Migranten noch einmal unterteilen muss, dass Kinder natürlich oft Probleme mit der Sprache haben und oft darüber verschämt sind, sodass sie nicht nachfragen, wenn sie etwas nicht verstehen. Es wurde auch das Thema der Spätaussiedler angesprochen, die Probleme damit haben, als Deutsche zu gelten, obwohl sie schlecht deutsch sprechen.
Meine Mutter, die ich gezwungen habe, an der Diskussion teilzunehmen, wurde nach ihren Erfahrungen als nach Deutschland migrierte Mutter zweier Kinder befragt. Wie viele Elternteile im Raum wies sie darauf hin, dass eines der wichtigsten Probleme es sei, dass man nach der Ankunft oft andere Dinge im Kopf hat, als die Schule des Kindes. Man vertraut der Schule einfach, dass alles gut wird.
Ferner ging es um die Anlaufstellen, die es zurzeit für Migranteneltern gibt. Herr S. vom Jugendamt bedauerte die große Angst, die viele vor der Einmischung des Jugendamtes haben. So könne er seiner Hilfefunktion kaum nachkommen und könne nur dort eingreifen, wo ‚das Kind schon in den Brunnen gefallen ist‘.
Die Zuschauer konnten den Experten Fragen stellen, eine Mutter klärte einen ganz konkreten Fall aus der Schule ihres Sohnes. Zum Abschluss wurden alle Diskussionsteilnehmer aufgefordert, Wünsche zu formulieren, die sie an Vereine wie den Wuppertaler Elternverein für die Zukunft hätten. Darunter waren:

  • Die Mobilisation von freiwilligen Helfern und Fachkräften, die inoffiziell und persönlich an Schulen gehen und Hilfe leisten
  • Die Vernetzung von Beteiligten
  • Die Beschaffung von Geldmitteln für Projekte
  • Verstärkte Information über Hilfsorganisationen und das Schulsystem für Migranten in ihrer Sprache, möglichst schon bevor Probleme auftreten.

Ziel der Veranstaltung

Die Veranstaltung sollte die Basis schaffen für eine Reihe von mittel- und langfristigen Zielen schaffen:

  • Die Informations- und Wissensvermittlung über das  Schulsystem und die Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen für Eltern erleichtern
  • Auftretende Konflikte zu vermindern und die Zusammenarbeit von Einheimischen und Zuwanderern, von Lehrern und Eltern zu verbessern
  • Brücken zwischen Schulen und Eltern bauen
  • Netzwerke und Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen, in denen russischsprachige und deutsche Familien sich kennen lernen und gemeinsam unter professioneller Begleitung Probleme in der Kindererziehung überwinden

Die Diskussion auf der Veranstaltung war lebhaft und es haben sich wesentliche Punkte herauskristallisiert, die in Zukunft zu ändern sind. Viele der Gäste haben angekündigt, in engeren Kontakt zu treten und an verschiedenen Projekten gemeinsam zu arbeiten. Insofern war die Veranstaltung ein voller Erfolg. Sie hat eine Vernetzung von Ideen und Konzepten initiiert und weiteren Handlungsbedarf gezielt aufgezeigt.

Handlungsempfehlungen

Sehr zentral am Abend stand die Forderung nach mehr Wissensvermittlung über das deutsche Schulsystem, Ämter und Hilfsorganisationen für Migranten. Eltern muss von Anfang an klar gemacht werden, dass eine aktive Teilhabe am Schulleben ihres Kindes ein wichtiger Teil seines Erfolgs ist. Diese Information sollte möglichst vielsprachig und großflächig zusammengestellt werden.
Außerdem freuen sich Schulen über ehrenamtliche Helfer, die sich mit ihrer Erfahrung ins Schulleben einbringen und es bereichern.

Advertisements

Migranten und das deutsche Schulsystem – Probleme und Perspektiven

Liebe Freunde,

am Freitag, den 26.11.2010 leite ich in Wuppertal eine Veranstaltung unter dem Titel „Migranten und das deusche Schulsystem – Probleme und Perspektiven“.

Neben einigen Vorträgen wird der Kern der Veranstaltung eine Podiumsdiskussion sein. Eingeladen wurden Vertreter aller Interessensgruppen: Schulämter, Direktoren, Lehrer, Eltern und (Ex-)Schüler. Wir wollen einfach mal herausfinden, worin die Probleme von ausländischen Kindern wirklich begründet sind, und was davon bloß in den Köpfen der einen oder anderen Seite entstanden ist.

Kerndaten der Veranstaltung:

Veranstalter: Wuppertaler Elternverein 3×3
Zeit: 26.11.2010 16 – 19 Uhr
Ort: Internationales Begegnungszentrum des Caritasverbandes Wuppertal / Solingen,
Hünefeldstraße 54a, 42285 Wuppertal

Alle sind herzlich eingeladen. (Auch und besonders Bildungspiraten)

Wir werden versuchen, Antworten auf folgende Fragen zu finden:

  • An welchen entscheidenden Stellen nehmen die Probleme ihren Ursprung?
  • Wie werden diese Probleme wahrgenommen, wie bewertet?
  • Sprechen die Beteiligten überhaupt vom Selben, wenn sie nach Lösungen suchen?
  • Wie vermittelt man Migranten effizient Wissen über das Schulsystem, Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten?
  • Kann man Begegnungsstätten und Netzwerke schaffen, in denen deutsche und zugewanderte Eltern mit einander in Dialog stehen und arbeiten können?

Was mir noch fehlt, sind viele, viele weitere Fragen, die ich den anwesenden Experten in der Diskussion stellen kann.  Es wäre nett, wenn meine Leser die Kommentarfunktion benutzen könnten und Fragen vorschlagen können.

 

Über den Ausgang werde ich berichten.

Israel in meinem Wohnzimmer

Es ist sehr schwierig für mich, etwas zur Situation in Israel zu sagen. Was soll man da sagen? Da kann man nichts sagen, da kann man sich nur hinsetzen und weinen. Irgendwie haben beide Seiten recht, irgendwie haben beide Seiten unrecht, die Situation ist auswegslos. Es herrscht kein Frieden und die anderen sind daran schuld.  Welche Meinung ich nicht auch veräußere, ich bekomme immer eins aufs Dach dafür. Von meinen deutschen, linken Freunden bekomme ich Kritik dafür, dass ich Israel verteidige, meine Familie ist beleidigt über meine proarabischen Ansichten.
In anderen Neuigkeiten ziehen die Kinder des Freundes meiner Mutter bei uns ein.
Zur Situation bisher: In der 3-Zimmer-Wohnung in Wuppertal wohnten bislang meine Mutter, ihr Freund (seit 10 Jahren) und ihr autistischer, 18-jähriger Sohn. Ihr Freund, mein Ziehvater also, hat selbst fünf Kinder, drei davon leben noch bei seiner zweiten Ehefrau. Die ziehen nun um, von Wuppertal nach München. Jetzt ist seinem zweitältesten Sohn eingefallen, dass er ja noch Prüfungen in Wuppertal ablegen und darum irgendwo wohnen muss. Kurzerhand hat mein Ziehvater ihn also in seine Wohnung eingeladen. Und der Familienhund, ein ausgewachsener Golden Retriever mit einem Talent, genau da zu liegen, wo man gerade hintreten will, ist gleich mit gekommen. Als Willkommensgeschenk hat unsere zickige Katze Tia ihm auf die Hundedecke gepinkelt. Da schläft er immer noch. Dann hat die Widwe des besten Freundes meines Zievaters angerufen und gefragt, ob sie mit ihrer Freundin und ihrer Tochter für eine Nacht bleiben könnte. Kein Problem, so mein geselliger Ziehvater. Dann ist seinen beiden Zwillingstöchtern eingefallen, dass ja noch Schulferien sind und sie da in München noch überhaupt keine Freunde haben. Ob sie nicht für zwei Wochen bei ihrem Vater leben und sich mit ihren Freundinnen treffen könnten. Natürlich.
Es leben also in einer 75m²-Wohnung mit drei Zimmern mein Ziehvater, meine Mutter, mein Bruder, Juris Sohn, seine beiden Töchter, die Katze und der Hund. Meine Mutter versteht. Meine Mutter toleriert. Immerhin sind es ja Kinder. Kindern kann man nicht „nein“ sagen. Sie stolpert über das hinterlassene Chaos, sie toleriert den Gestank, sie kocht essen und sie kämpft mit sich, nicht auszuflippen. Das Einzige, was sie in wirklich tiefe Sorge stürzt, ist mein Bruder, der fremde Menschen unheimlich schwer verträgt, sich in seinem Zimmer einschließt, immer tiefer in die Depression rutscht.
In einem Anfall von Heldenmut habe ich beide in meine Einzimmerwohnung geholt. Für ein paar Tage. Mein Bruder schlief auf dem Sofa, meine Mutter saß bei mir auf dem Bett und wir diskutierten angeregt. Über Israel. Darüber, wie ein Volk, das keinen anderen Platz zum Leben hat, von allen umliegenden Nationen vernichtet werden soll, sie diese Länder die Vernichtung des Staates teils in ihre Konstitution aufnehmen. Sie spricht über das furchtbar schwere Schicksal des Volks Israel. Dann verstummt sie, ihre Augen blicken mit dem Humor der Resignation vor sich hin: „Eigentlich ist in unserer Wohnung ein Miniaturmodell des Nahostkonflikts“.
Die Familie meines Ziehvaters wird gerade über Deutschland verteilt. Der einzige Ort, an dem sie im Moment zusammen sein können, ist in der Wuppertaler Wohnung. Meine Mutter wohnte da aber noch, ehe ihr Freund überhaupt eingezogen ist. Und mein Bruder auch. Dennoch müssen sie jetzt Platz machen. Sie müssen sich an die neuen Lebensumstände gewöhnen oder weggehen. Sie sind zu Arabern geworden. Nun erlebt meine Mutter selbst, wie viel Kraft und Selbstbeherrschung es kostet, ihn nicht anzugreifen, seine Sachen nicht gesammelt aus dem Fenster zu werfen dafür, dass er sie überall herum liegen lässt. Sie kann es, weil sie eine Einzelperson und kein durchmischtes Volk ist – und weil sie ihn immerhin liebt. Plötzlich eröffnet sich ihr aber tiefstes Verständnis für diese andere Seite des Konflikts. Wie schwer wäre es, wenn es Fremde wären.
Ich weiß ja, dass mein Artikel hier bei vielen Juden auf Unverständnis treffen mag. Und wer von den anderen Lesern denkt, Israel hätte es in irgendeinerweise leichter, der möge sich nochmal mit mir darüber in Verbindung setzen. Vertreibung, Kampf um Identität und ums Überleben auf der einen Seite, und Vertreibung, Kampf um das eigene Recht auf der anderen Seite. Da habt ihr es.
Wie, wie um alles in der Welt, kann es in so einer Situation jemals Frieden geben? Es gibt keinen Weg als den, den Gott seinerzeit in der Wüste gewählt hat. Der Krieg muss beendet werden und es müssen 40 friedliche Jahre vergehen. Und wenn das letzte Kind des Krieges gestorben ist, wenn der letzte Augenzeuge von Hunger und Bombenangriffen schweigt,  erst dann kann man langsam anfangen, über echten Frieden zu denken.
Was können wir hier im Westen tun? (Immerhin lest ihr diesen Artikel ja auf deutsch.) Wir können nichts tun, als mit gutem Beispiel voran gehen. Solange, wie wir diesen Krieg hier grundlos, ohne da rein verwickelt zu sein, weiterführen; solange wie sich die Juden und Muslime hier nicht riechen können wegen verletzten Stolzes der entfernten Verwandten oder auch bloß Glaubensgenossen; solange kann und wird es keinen Schritt in die richtige Richtung geben. Wenn wir hier es nicht schaffen, friedlich zu koexistieren, dann werden die emotional so schwer betroffenen Menschen im nahen Osten erst recht nicht tun können. Wen wir, wo keine Bomben auf unsere Straßenkreuzungen fallen, wo die Anderen nicht unsere Kinder töten, nicht in Dialog treten, wie können wir das von denen erwarten?
Mein Aufruf geht hier in zwei Richtungen. Liebe Juden und Muslime in Deutschland, geht auf einander zu. Zumindest ihr, die Jugend, die Aufgeschlossenen, die Globalisierten – zeigt offen, dass das möglich ist. Beteiligt euch an einem der vielen Brücken- oder Dialogprojekte.
Liebe Deutsche, die die eine oder andere Seite in diesem Konflikt unterstützen und sich mit ihr solidarisieren. Tut das nicht. Solidarisiert euch mit dem Frieden. Kämpft nicht für die Rechte des Einen oder des Anderen, kämpft für die Rechte beider.
Ich weiß, dass viele mir schreiben werden, dass alles ja gar nicht so einfach sei, dass ich der einen oder anderen Propaganda verfallen sei, dass ja in Wirklichkeit die *** angefangen haben. Schreibt mir das nicht. Es ist egal, wer angefangen hat, wenn Kinder sterben. Es ist egal, wer angefangen hat, wenn es irgendwie zu beenden ist.

Die Taube

Ich habe gerade mit letzter Kraft zwei schwere Taschen auf den Bahnsteig geschleppt, gefährlich wankend auf den dünnen Stelzen meiner Stöckelschuhe. Ich setze mich erschöpft auf die Bank und beobachtete voller Neid, wie eine kleine, dünne Taube mit dem Kopf wiegend den Bahnsteig entlangspazierte, dann unvermittelt aufhüpfte und losflog. Erst auf den nächsten, dann auf den übernächsten Bahnsteig. Über acht Gleise hinweg, in wenigen Sekunden.

Ich dachte, dass ich auch gerne einfach so aufhüpfen und losfliegen würde. Ganz spontan, unbeschwert und ohne, dass mir danach die Arme schmerzen.
Und dann fiel mir ein… achja. Die Taube hat ja keine Taschen.

Einladung an alle: „unter gottes fittiche“

Man muss nicht an Gott glauben, um sich mit 7 völlig wildfremden Menschen über Nacht in einer Kirche einschließen zu lassen, um dort zu übernachten. Man muss auch nicht an Gott glauben, damit einem bei dieser Erfahrung etwas offenbar wird.

Andererseits heißt es auch, dass Gott auch jenen hilft, die nicht an ihn glauben.


Unter der Leitung von Stefanie Bockermann führen wir mitten in der Münsteraner Petrikirche ein besonderes Theaterstück auf. Wir spielen im Raum mit dem Raum, wir brechen Tabus und kehren zurück zu ganz ursprünglichen Gedanken. Dabei ist das Stück nicht „fromm“ im eigentlichen Sinne. Es ist keine Kirchenpropaganda, es ist eher ein psychologischer Einblick in die menschliche Seele.

Bitte kommt doch vorbei, bestellt einfach Karten bei mir vor. Dann seht ihr mich auch mal in Rolle.

Die Termine sind:

  • 18.06.2010 – 21:00 (Premiere) (Keine Angst, lange nach dem Fußballspiel)
  • 25.06.2010 – 21:00

Mehr Infos gibtes hier: http://www.theaterblut-muenster.de/produktion.html

Ich freue mich auf euch!

P.S. an meine jüdischen Leser: Wenn einer von euch meint, nicht vorbei kommen zu wollen, weil er dazu eine Kirche betreten müsste… er möge sich gehauen fühlen.

Ein Tag aus Gottes Leben

Niemals unterschätzt werden darf die Bedeutung von Begegnungen mit Fremden. Gerade Vertrauen trägt einen weiter, als man denkt.

Es begann heute um 15:00. Ich surfte gelangweilt auf Facebook, als ein Bekannter mir einen Freundschaftsvorschlag schickte zu einem David […], der mir völlig unbekannt war. Ich erinnerte mich, dass ich diesen Bekannten mal gefragt hatte, ob der Juden aus Münster kennt, und verstand diese Empfehlung als Antwort. Ich bot besagtem David eine Facebook-Freundschaft an.

„Vielen Dank für die Freundschaftseinladung, aber wie kommst du auf mich?“, schrieb er wenige Minuten später im Chat. Ich erklärte ihm die Situation. Ja, sagte er, er sei tatsächlich in der Münsteraner Gemeinde. Für mich war das gefundenes Fressen, suche ich doch schon ewig nach jemandem, der mich dort einführt.

„Kann ich zum nächsten Shabbat-Gottesdienst kommen?“, fragte ich. Er sagte, er wolle heute eh spätenstens um halb 6 zur Synagoge, da könne ich ihn ja auch schon treffen. Ich lag zu diesem Zeitpunkt noch im Nachthemd auf dem Bett, aber warum nicht, dachte ich mir. Mein Freund reagierte auf diese Neuigkeit etwas ungehalten. So: „Du willst WAS? Du kennst ihn doch gar nicht! Du kennst ja nichtmal euren gemeinsamen Bekannten persönlich! Was sind das für ominöse Typen!? Du kannst doch nicht alleine da hin gehen?“ Ich bin doch gegangen. Wie froh ich bin.

17:00 traf ich ihn vor der Synagoge. David stellte sich als außergewöhnlich freundlicher Mensch heraus, er gab mir nicht nur eine Privatführung durch die Gemeinderäumlichkeiten, sondern zeigte mir auch, wo ich meine Mitgliedschaft beantragen konnte und führte mich danach noch mit in ein Eiscafé. Wir saßen mehrere Stunden da und unterhielten uns über Politik, Humor, Psychologie, Menschen, Computer, Juden und Nichtjuden. Unter Anderem erbot er sich, mir auf der Suche nach einem Praktikumsplatz zu helfen und ich will mich für die Verjüngung der jüdischen Gemeinde engagieren.

Ich habe nicht nur einen Menschen, sondern voraussichtlich einen ganzen Kreis von Menschen getroffen, die mir gleichgesinnt sind, meinen Humor verstehen, meine Werte teilen. Ein Geschenk. Aber das war nicht das Ende.

David brachte mich zum Hauptbahnhof, wo ich noch eine Weile auf den Bus warten musste. Ich klappte meinen Laptop auf und surfte – dankbar- auf facebook. Ich schreckte auf, als zwei Polizisten um mich herum standen.

„Entschuldigung, fühlen Sie sich hier sicher?“, fragte ein junger Mann mit der Statur eines Ziegelsteins und dem Hemd eines Ordnungshüters.
„… Ja…“, stammelte ich verwundert.
„Wissen Sie, hier am Bahnhof laufen allerlei Typen herum und Sie locken sie mit dem Laptop ziemlich an. Da geht einer vorbei und reißt ihn Ihnen aus der Hand, und dann stehen Sie da. Da können Sie nichts machen. Stecken Sie ihn lieber weg.“

Ich bedankte mich für den Hinweis und steckte verlegen mein Netbook ein. Ich vertraue Menschen zu sehr.
„Sie hat nicht nachgedacht“, entschuldigte sich eine Frau im mittleren Alter für mich, mit einem Lächeln auf ihren russischen Gesichtszügen. Als die Polizisten fort waren, starrte sie nachdenklich auf die Straße und sagte: „Früher war das hier nicht so. Man war sicher. Aber die letzten fünf Jahre… Es ist vieles anders geworden.“
„Woher kommen Sie?“, fragte ich.
„Aus Kasachstan.“
„Ah, und ich aus der Ukraine“.
„Studieren Sie hier?“, fragte sie mich dann nahtlos auf russisch.

Das weitere Gespräch führten wir dann auch auf russisch. Ich erzählte ihr, wie ich Politik mache, um die zunehmende Verarmung zu verhindern. Sie erzählte mir von ihren Töchtern in meinem Alter. Ich erzählte ihr von der Selbstausgrenzung der Juden. Sie fragte mich, warum dieses Volk immer leiden muss. Wir sprachen, unter welchen Bedingungen wir nach Deutschland gekommen waren. Sie als Aussiedlerin und ich als Jüdin. Sie sagte, dass sie mich schon am Aussehen und an der Sprache erkannt habe, Juden sprächen anders als Russen. Sie werde wegen ihrer dunklen Hautfarbe selbst für eine Jüdin gehalten. Ich sagte, dass ich ganz weiße Haut und fast blondes Haar habe, während meine Eltern eher dunkel sind. Da erzählte sie mir eine Geschichte:

Es gab mal ein Mädchen, das hatte dunkle Haut und schwarzes Haar, obwohl die Eltern beide blond waren. Alle wunderten sich, warum sie so aussah, und sie selbst betete oft, dass sie blond sein möge, wie ihre Eltern. Als sie ihr Studium abgeschlossen hatte, ging sie als freiwillige Aufbauhelferin in den nahen Osten. Zuerst wurde sie abgelehnt, weil sie die Sprache nicht sprach. Aber sie lernte die Sprache und trug die Kleidung der einheimischen. Schnell wurde sie mit ihrer dunklen Haut und ihrem schwarzen Haar akzeptiert. Wäre sie blauäugig gewesen, wäre ihr Weg unendlich schwerer gewesen.

„Gott hat jedem von uns seinen Platz zugedacht und dafür hat Er alles vorbereitet“, schloss die Frau die Geschichte mit einem listigen Flackern in ihrem intelligenten Blick. Und ich sagte: „Wie wundervoll ist es, Fremden zu begegnen.“

Sie gab mir Tipps für russische Läden, in denen ich günstig Pelmeni kriege und ich stieg aus dem Bus aus. Sie hatte gesagt, dass sie nicht wisse, wofür sie mir begegnet ist. Aber ich weiß es. Dieser Gedanke, warum ich blond bin, baut mich auf. Und wäre ich nicht so vertrauensvoll gewesen und hätte den Laptop mitten am Bahnhof benutzt und die Polizisten hätten mich nicht angesprochen, dann wäre ich dieser ungewöhnlich warmen Frau nie begegnet und ich hätte niemals solche Gedanken gehabt, wie ich gehabt habe.

Wunder geschehen. Punkt. Das ist einfach so.

Vor- und Nachteile von Netbooks

Wir schreiben das Jahr 2010, etwa drei Wochen, nachdem ich die Kunst des mobilen Internets für mich entdeckt habe. Freilich hat so ein kleines Notebook, wie alles im Leben, Vor- und Nachteile.

Vorteile:

  • Internet surfen im Bus
  • Internet surfen am Bahnhof
  • Internet surfen in der Vorlesung
  • Der heimische 19″ erscheint einem GIGANTISCH!
  • Cybersex in der Vorlesung
  • Nie die Orientierung verlieren
  • Wikipedia, immer und überall

Nachteile:

  • Abends, schon im Halbschlaf, im Bett noch eine Handtasche kaufen
  • Vergessen, mit wem man gerade ausgeht
  • Wikipedia, immer und überall
  • Vergessen, wie man einen Kugelschreiber benutzt
  • Das Picknick nicht so richtig genießen können, weil man die xorg.conf par tout nicht findet