Leserbriefe in Lyrik

Vor wenigen Tagen hinterließ ein Gast einen rührenden Kommentar in meiner Galerie. Nur wenig später erhielt ich von ihm eine Email. Darin enthalten war ein Link, der mich bei einem Glas Wein in einer 20er-Jahre-Bar zu spontanem Lachen bewegt hat.

Slov ant Gali hat in seinem Blog eine Art Mini-Gedichtzyklus unter dem Namen „Für Marina“ veröffentlicht. Darin beweist er eine Beobachtungsgabe für die menschliche Psyche, die ich niemals jemandem zugetraut hätte, der lediglich einen Blog als Ausgangspunkt hat. Die Verse schwanken zwischen Leichtigkeit und Traurigkeit und einer macht nicht Halt vor gewissen charakterlichen Schwächen. Ich will ihm an dieser Stelle öffentlich dafür danken und einen dieser Verse veröffentlichen. Insgesamt gibt es derer drei, sie sind hier, hier und hier zu finden.

 

Für Marina (3)

Noch falten
Schmetterlinge
aus deinem Bauch
auf nackter Hand
die Flügel

Dir zucken die Glieder
zum nächsten Tanz
mit sich windenden Armen
himmelwärts doch
in unseren Breiten
überstehen Schmetterlinge
den Winter
nur aufgespießt
und deine Hände
vergessen
in Seife
was verflog

Februar

Wir haben uns im Februar getroffen,
Und gleich begann es uns hinfortzureißen
Und  sofort brannten Lichterloh die Seelen
Und „Februar“ sollt unser Leben heißen.

Wir trafen heimlich uns am Valentinstag
Und tauschten mit den Blicken heiße Worte,
Und lasen Zeichen in dem kleinsten Zufall
Und träumten uns zu zweit an ferne Orte.

Wir sprachen der Versprechen viel zu viele
Und wollten von einander niemals weichen.
Wir sprachen uns zuletzt am Aschermittwoch
Und sogar darin lese ich ein Zeichen.

Berühre meine Liebe nicht

Wenn meine Seele sich erholt
Von deinen schönen Worten,
Dann öffne mutig ich den Mund
Und ruf es in den Wind:
Streck deine rauhe Hand nicht aus,
Bleib fern von meinen Pforten!
Berühre meine Liebe nicht,
Denn sie ist noch ein Kind.

Nur wenig nötige Details
Sind alle deine Worte,
Schmückender Rauch und Beigeschmack,
Gelogener Roman.
Du Dieb bist sie mitnichten wert,
Ich kenne deine Sorte.
Lass meiner Liebe Freiheit noch,
Denn sie wächst noch heran.

Ich lege schützend mich um sie,
Ich kämpfe für ihr Leben.
Sie ist ein Teil von jenen Dingen,
die noch heilig sind.
Drum sieh sie nicht so lüstern an,
Ich werd sie dir nicht geben.
Berühre meine Liebe nicht,
Denn sie ist noch ein Kind.

Masha et Lucien

Lermontov über mich

„Wo Meer und Himmel sich vereinen,
Erglänzt ein Segel, weiß und weit –
Was trieb es aus dem Land der Seinen?
Was sucht es in der Einsamkeit?

Es pfeift der Wind. Die Wellen drohen.
Es knarrt der Mast. Das Segel schwebt
Nicht vor dem Glück ist es geflohen.
Es ist nicht Glück, wonach es strebt.

Strahlt auch in Gold der Himmelsbogen,
Und glänzt auch noch so blau das Meer –
Das Segel lechzt nach Sturm und Wogen,
Als ob in Stürmen Ruhe wär.“

– Michail Lermontov
(Übersetzt von: Heinrich Greif)

Pause wider Willen

Ich werde in der nächsten Zeit nicht viel schreiben oder zeichnen können. Der Grund dafür ist simpel: Bei so einer kleinen Art Rauferei ist meine Faust irgendwie unglücklich auf jemandes Jochbein aufgekommen und seitdem büße ich meine rechte Hand ein.

Das ist für mich als Künstlerin ein sehr unangenehmer Zustand, denn Verletzungen der linken Hand behandle ich immer sehr stiefmütterlich; aber die Rechte, das ist eine andere Geschichte, die ist mein Liebling.

Darum gibt es heute statt einer Zeichnung nur das Bild einer unfertigen Zeichnung mit dem Titel: „Wie ich nicht mehr zeichnen konnte.“

Letzte Worte:

Verflucht seien die Männer, die Parfum tragen!
Deren Duft nachts nicht
Aus meinen Kissen und aus meinen Träumen weicht.
Verflucht seien die Männer, deren Lippen sich beim Lachen kräuseln,
Deren Bild immer wieder
Die empfindlichsten Saiten berührt.
Verflucht seien ihre Hände
Und ihre Augenfarbe.
Verflucht seien die Männer, die Parfum tragen!

M. Weisband

Es gab noch eine zweite Witwe

Es gab noch eine zweite Witwe. Die hat man vergessen.
Oder sie dachten kurz an sie, als sie den Sarg verschlossen.
Sie ging ganz abseits, ganz in schwarz, sie war ganz leise.
Sie hatte blasse Lippen, kam gerade von der Reise.
Sie hat schon lange sich gewöhnt, sie lebt nun weit entfernt.
Und an der Seite eines Anderen hat sie zu sein gelernt.
Aber der Julitag ist kalt, dass selbst das Blut gefriert.
Wem ist Gewöhnung denn ein Trost, wenn man sein Herz verliert?
Sechs Jahre war es nun schon her, es war das siebte –
Doch einst war sie an seiner Seite. Und sie liebte.

Es gab noch eine zweite Witwe in der lauten Menge.
Jede Liebe hat das Recht, bis in den Tod zu sein, und länger.
Sie steht entfernt von seinem Grab, das muss genügen.
Und ihr bleibt jetzt nur noch ein Sohn – mit seinen Zügen.

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(M. Weisband; Übersetzung grob nach V. Dolina)