Leserbriefe in Lyrik

Vor wenigen Tagen hinterließ ein Gast einen rührenden Kommentar in meiner Galerie. Nur wenig später erhielt ich von ihm eine Email. Darin enthalten war ein Link, der mich bei einem Glas Wein in einer 20er-Jahre-Bar zu spontanem Lachen bewegt hat.

Slov ant Gali hat in seinem Blog eine Art Mini-Gedichtzyklus unter dem Namen „Für Marina“ veröffentlicht. Darin beweist er eine Beobachtungsgabe für die menschliche Psyche, die ich niemals jemandem zugetraut hätte, der lediglich einen Blog als Ausgangspunkt hat. Die Verse schwanken zwischen Leichtigkeit und Traurigkeit und einer macht nicht Halt vor gewissen charakterlichen Schwächen. Ich will ihm an dieser Stelle öffentlich dafür danken und einen dieser Verse veröffentlichen. Insgesamt gibt es derer drei, sie sind hier, hier und hier zu finden.

 

Für Marina (3)

Noch falten
Schmetterlinge
aus deinem Bauch
auf nackter Hand
die Flügel

Dir zucken die Glieder
zum nächsten Tanz
mit sich windenden Armen
himmelwärts doch
in unseren Breiten
überstehen Schmetterlinge
den Winter
nur aufgespießt
und deine Hände
vergessen
in Seife
was verflog

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Wie der JMStV Kindern schaden wird

Dies ist interessant für Pädagogen und Politiker. Der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag ist ein Vertrag zwischen allen Bundesländern und regelt den Jugendschutz im Rundfunk und im Internet. Der soll nun geändert werden. Wer genaue Informationen haben will, was dann anders wird, ist hier knapp und gut beraten.
In aller Kürze: Websites müssen ab jetzt gekennzeichnet werden, ab welchem Alter sie geeignet sind. Durch Filterprogramme werden bei aktivierten Filtern alle Websites ausgeblendet, für die das Kind noch nicht alt genug ist. Das zur Theorie. Nicht gekennzeichnete Seiten werden automatisch „ab 18“ gekennzeichnet, ebenso ausländische Seiten. Der Betreiber ist für die Inhalte der Seite verantwortlich und kann abgemahnt werden, wenn seine Inhalte seiner Alterskennzeichnung nicht entsprechen. Das bedeuetet, dass Seiten, auf denen der Autor nicht für die Inhalte verantwortlich ist, generell nur ab 18 freigeschaltet sein können. Dies gilt für Foren, Chats, Blogs mit Kommentarfunktion und alles Interaktive im Internet. (Lustig, nicht?)

Die technische Umsetzbarkeit dessen wurde bereits an vielen Stellen kritisiert. (z.B. von den Grünen und der Piratenpartei). Ich will darauf gar nicht mehr eingehen. Mir geht es hier ausschließlich um das Wichtigste aller Argumente, nämlich den Schutz von Kindern.

Als Psychologin setze ich mich viel mit der Entwicklung von Kindern und ihren Lernumgebungen auseinander. Heute sind Kinder aus dem Internet nicht wegzudenken. Weil das Phänomen aber so neu ist, stoßen wir natürlich auf eine Reihe von Problemen. Pornographie und Gewalt sind abrufbar, wie nie. Vorbei sind die Zeiten, als einer eine Videokassette in die Schule geschmuggelt hatte und der Held war. Heute ist alles einen Klick entfernt. Niemand widerspricht heutzutage, dass der kompetente Umgang mit den neuen Medien ein zentraler Lerninhalt sein muss.

Was passiert, wenn die Novelle des Jugendmedienschutz-Staatvertrags (*puh*) in Kraft tritt? Das Problem ist, dass niemand es weiß. Der JMStV ist sehr schwammig gehalten. Ich gehe davon aus, dass in den meisten Fällen gar nichts passiert. Die Filtersoftware, die es theoretisch auch heute schon gäbe, wird in den seltensten Fällen verwendet. Teils aus Bequemlichkeit, teils aus Überzeugung. Nur sehr besorgte Eltern werden sie installieren, und vermutlich wird sie an allen öffentlichen Computern vorhanden sein, zum Beispiel in Schulen oder Bibliotheken.
Was geben wir aber jenen Kindern, die an solchen Computern aufwachsen und das Internet kennen lernen?
Wir geben ihnen eine klassische eingeschränkte Lernumgebung. Das Internet, das werden für diese Kinder drei Seiten sein, nehmen wir an, die Toggo-Website, „Blinde Kuh“ und Kindernet. Auf diese Seiten werden sie gehen, unschuldigen Spaß haben und niemand wird sich Sorgen machen.
Der Knackpunkt: Sie haben dabei immer noch nichts darüber gelernt, wie man mit dem Internet umgeht. Sie wissen nicht, wie ein Medium kritisch zu betrachten ist. Sie wissen nicht, wo sie überall nach etwas suchen oder es lassen sollten. Sie wissen nicht, welche Menschen sich auf welchen Seiten herumtreiben. Sie haben nie gelernt, die Anonymität des Netzes kritisch zu bewerten und wissen nicht, was man tut, wenn man etwas begegnet, das einem zu viel ist.

Ein Kind in dieses Abbild des Internets zu setzen, ist vergleichbar damit, es bis zu seinem 18. Geburtstag nicht aus dem Haus zu lassen und es danach zum Studium zu schicken. Na gut, das ist vielleicht nicht genau vergleichbar. Aber die Idee kommt rüber.

Ich habe noch neulich davon gehört, dass viele amerikanische Schulen den Seuxalkundeunterricht ersetzt haben durch die sog. Enthaltsamkeitslehre. Hier wird den Schülern vermittelt, dass der einzige effektive Schutz vor Krankheiten und Schwangerschaft die absolute Enthaltsamkeit sei. Kondome würden häufig platzen ist nicht die einzige Lüge, durch die erreicht wird, Kinder von sexuellen Handlungen allgemein abzuschrecken.
Während ich es ok finde, dass Kinder und junge Jugendliche keinen Sex haben, sind die Natur, die Liebe und die Neugier aber eben oft anderer Meinung. Zu sexuellen Kontakten kommt es an diesen Schulen trotzdem. Aber da die Jugendlichen darauf überhaupt nicht vorbereitet sind, kommt es entsprechend häufig zu Schwangerschaften und Schlimmerem.

Die Parallele hierbei ist, dass Kinder von etwas fern gehalten werden, ohne zu lernen, damit umzugehen. Wenn also ein Kind doch einmal an einen Computer ohne Filter kommt, dann ist sein riskantes Verhalten umso höher. Das Schlimme ist, dass es dann nicht einmal Rat bei seinen Eltern suchen kann, denn die hätten es ja verboten. Also steht es allein und hilflos da.

Die meiner Meinung nach richtige Strategie, Kinder im Internet zu schützen, ist:
Gemeinsam mit dem Kind online gehen, ihm die Kindgerechten Seiten und Angebote zeigen und schauen, was es sonst so macht. Immer als Ansprechpartner da sein. Sich selbst mit dem Thema auseinander setzen und kompetent sein. Dem Kind zur rechten Zeit sexuelle Aufklärungsseiten zeigen, damit es seine Antworten nicht in Pornographie suchen muss. Vor allem aber: Dem Kind vertrauen. Je mehr wir unseren Kindern vertrauen, desto erwachsener und verantwortungsvoller können sie handeln.


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Migranten und das deutsche Schulsystem – Probleme und Perspektiven

Liebe Freunde,

am Freitag, den 26.11.2010 leite ich in Wuppertal eine Veranstaltung unter dem Titel „Migranten und das deusche Schulsystem – Probleme und Perspektiven“.

Neben einigen Vorträgen wird der Kern der Veranstaltung eine Podiumsdiskussion sein. Eingeladen wurden Vertreter aller Interessensgruppen: Schulämter, Direktoren, Lehrer, Eltern und (Ex-)Schüler. Wir wollen einfach mal herausfinden, worin die Probleme von ausländischen Kindern wirklich begründet sind, und was davon bloß in den Köpfen der einen oder anderen Seite entstanden ist.

Kerndaten der Veranstaltung:

Veranstalter: Wuppertaler Elternverein 3×3
Zeit: 26.11.2010 16 – 19 Uhr
Ort: Internationales Begegnungszentrum des Caritasverbandes Wuppertal / Solingen,
Hünefeldstraße 54a, 42285 Wuppertal

Alle sind herzlich eingeladen. (Auch und besonders Bildungspiraten)

Wir werden versuchen, Antworten auf folgende Fragen zu finden:

  • An welchen entscheidenden Stellen nehmen die Probleme ihren Ursprung?
  • Wie werden diese Probleme wahrgenommen, wie bewertet?
  • Sprechen die Beteiligten überhaupt vom Selben, wenn sie nach Lösungen suchen?
  • Wie vermittelt man Migranten effizient Wissen über das Schulsystem, Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten?
  • Kann man Begegnungsstätten und Netzwerke schaffen, in denen deutsche und zugewanderte Eltern mit einander in Dialog stehen und arbeiten können?

Was mir noch fehlt, sind viele, viele weitere Fragen, die ich den anwesenden Experten in der Diskussion stellen kann.  Es wäre nett, wenn meine Leser die Kommentarfunktion benutzen könnten und Fragen vorschlagen können.

 

Über den Ausgang werde ich berichten.

Über die Freiheit, unfrei sein zu dürfen

Es begann auf der open mind 2010, jener bedenklichen Versammlung von Freibeutern und Seelenverwandten in Kassel, auf der darüber diskutiert wurde, wie wir uns die Zukunft vorstellen. Es würde den Artikel sprengen, die Veranstaltung in den Himmel zu loben, was sie zweifelsohne verdient hätte, weil ich selten so vielen intelligenten Ideen auf einmal begegnet bin.

Das Wort jenes Wochenendes war Freiheit. Das Wort „Freiheit“ verwendet der Pirat etwa so oft, wie der durchschnittliche Deutsche das Wort „ich“ verwendet. Einer der vielen Vorträge, die das Wort im Titel trugen, war der ausgezeichnete Beitrag von Pavel Mayer, mit dem Volltitel: „Freiheit“ in den Grundsatzprogrammen der etablierten Parteien und im Grundgesetz“. Hier stellte er die teilweise obszön-kontroversen Verschmelzungen dar, in denen der Wert „Freiheit“ mit Werten wie „Sicherheit“ in Grundsatzprogrammen anderer Parteien zu einem moralistischen Wortsalat zusammengepresst wurde. Der Teil des Vortrags, der meine Aufmerksamkeit am meisten fesselte, war aber vor allem die Definition von Freiheit, oder deren Beschreibung an und für sich.
„Freiheit“, so stellte Mayer sinngemäß heraus, „ist aber auch eine Pflicht, eine Verantwortung.“

Der Tenor der ganzen Veranstaltung war, dass die Piratenpartei in einer Gesellschaft leben will, in der jedes Individuum viel Freiheit besitzt; nämlich genau so viel, wie es die Freiheit der Anderen nicht beschneidet. Für diese Freiheit und ihre Grenzen muss jedes Individuum die Verantwortung tragen. Dafür muss es aufgeklärt, emanzipiert, gebildet sein. Nur so kann eine solche mündige Gesellschaft gewährleistet werden. Eine Gesellschaft also, in der wir nicht auf jemanden angewiesen sind, der die Verantwortung für uns trägt. Damit entfällt die Notwendigkeit von religiösen Oberhäuptern, einem starken Staat, einer aufgepropften Moral.

Und das passt gerade Piraten ganz gut in den Kram. Geistige Führung widerspricht dem mündigen, gebildeten und freien Bürger, den die Partei will – und aus denen sie besteht. Schon das Wort ‚klassische Werte‘ bekommt hier gleich einen verstaubten, negativ besetzten Klang. Man hängt ganz dem aufklärerischen Gedanken an, der einzige Wert ist der Mensch, und wie sein freier Wille ihn führt, so soll er leben. Die Erkenntnis soll die Wissenschaft sein. Die Piratenpartei beansprucht für sich gar oft, überhaupt ideologiefrei zu sein.

An dieser Stelle lehnte sich Julia Schramm ganz weit aus dem Fenster und hielt einen Vortrag mit dem Titel „Ideologie und Emanzipation“, der mit dieser Ideologiefreiheit etwas aufräumte. Haben wir wirklich keine Ideologie? Sollten wir auch wirklich keine haben? Das heute negativ besetzte Wort Ideologie, so geht aus ihrem Vortrag hervor, wechselte im 19. Jahrhundert den Glauben an Gott ab. Es war also etwas Neues, das eine alte Funktion erfüllte: Den Menschen Halt geben. Und nun kommen die Piraten und sagen: Ihr braucht keinen Halt mehr. Seid frei.

Als Mayer seine Erläuterungen zu Freiheit und Verantwortung ausführte, stellte ich ihm öffentlich eine Frage: „Was ist mit den Menschen, die nicht frei sein wollen?“

Ich stellte mir meine eigene Großmutter vor, die in einigen Jahren vielleicht alt wird und dann in ihrem Wohnzimmer sitzt und fern sieht, wo man ihr sagt, dass sie mit ihrem Leben nun machen kann, was sie will. Was ist richtig? Was ist falsch? Vielleicht will sie dazu nicht alle erdenklichen Quellen konsumieren, bewerten, für sich in eine Reihenfolge legen und daraus Handlungsanweisungen ableiten? Vielleicht will sie einfach leben und diesen Halt in etwas haben. Vielleicht will sie die Verantwortung nicht tragen, die immer mit erhobenem Zeigefinger an die Freiheit geknüpft wird.

Letzlich – beschneiden wir, die die ultimative Freiheit fordern, nicht jene in ihrer Freiheit, die nicht frei sein wollen? Sollte nicht auch das eine individuelle Entscheidung sein? Ich frage, was die Piratenpartei den Menschen zu bieten hat, für die das Konzept von Freiheit nicht so verlockend ist.

Aus irgendeinem Grund ist der Wunsch nach absoluter Emanzipation als völlige Selbstverständlichkeit für jeden Menschen aufgestellt. Damit reißen wir aber Menschen aus einer gewissen Sicherheit und … naja, Freiheit von Verantwortung, die eine Gesellschaft so bieten kann.

Ich habe auf meine Frage die nachdenkliche Antwort bekommen, dass Religion solch ein Halt sein könnte. Freiwillige Religion, die nicht vom Staat diktiert wird, die aber da ist, verfügbar, falls man heute mal nicht frei sein will. Das klingt tatsächlich sinnig.
Die Frage ist, wie überzeugend eine Religion ist, die nicht mehr seit Kindesbeinen gelehrt wird. Das hieße ja, dass meine Großmutter wieder ins Internet gehen müsste und alles von Baptismus bis Buddhismus studieren müsste, sich dann das passende Modell aussucht und danach lebt. Denn wenn Religion in einer fernen, piratenutopischen Zukunft nicht mehr unfreiwillig gelehrt wird, steht die christliche Religion Deutschland ja nicht näher, als jede andere.

Was soll es überhaupt, dass ich als Pirat ideologiefrei bin? Heißt das, dass ich also an keine Idee glauben soll? Aber ich glaube doch an Ideen! Ich glaube an die Idee der Freiheit, der Bildung, des Friedens. Ich glaube ja nicht nur daran, ich kämpfe dafür, ich arbeite mir den Hintern ab und tippe lange Artikel mitten in der Nacht. Ich gehe dafür auf die Straße. Ich habe bisher kaum jemanden gesehen, den kalte Wissenschaft auf die Straße getrieben hätte (Akademiker-Arbeitslosigkeit ausgenommen).
Selbstverständlich haben wir eine Ideologie und ich gehe sogar so weit zu sagen, dass wir eine der ideologischsten Parteien sind; wir glauben fest an unsere Ideale.
In heimlicher Wirklichkeit sind das auch die Dinge, an denen wir uns festhalten. Wir halten uns daran fest bei bescheidenen Wahlergebnissen und bei internem Streit, bei durchgearbeiteten Nächten und in unserer eigenen Frage nach dem möglichen Sinn unseres Lebens.

Ich bin ja jemand, der zusätzlich noch an Gott glaubt. Wirklich so sehr, dass ich mir dauernd überlege, ob ich das Wort ausschreibe. Ja. Wirklich. Hier kann ich es ja mal sagen. Aber bitte sagt es nicht weiter, denn dafür werde ich häufiger mal ausgelacht in meiner Partei. Ich werde wirklich oft, teils mit Abfälligkeit, gefragt, warum ich mich solchen überalteten Gesetzen füge, warum ich mein Leben von „jemandem“ da oben bestimmen lasse.
Warum ich das mache ist ja eine ganz andere Geschichte. Ich kann halt einfach nicht anders. Ich sehe mit meinen Augen und ich glaube mit meinem Herzen. Ich müsse größte Mühe aufwenden, um beides zu verhindern, und dann wäre es vielleicht auch nicht zielführend.

Dieser um sich greifende Nihilismus in der Piratenpartei, die gern alles empirisch hätte und nichts wirklich glauben will, ist zwar ein Werkzeug der Rationalisierung, aber sowohl für uns als auch für unsere Wähler gefährlich.
Wir müssen unsere Gedanken auch darauf lenken, wie es Menschen geht, die von ihrer psychologischen Konstruktion her anders sind, als wir. Niemand wird mir doch widersprechen, dass es in unserer Wunschgesellschaft Werte gibt, die alle beachten sollen? Die Würde des Menschen, zum Beispiel. Gegenseitigen Respekt, oder zumindest freundliche Ignoranz. Und da wir uns Werte wünschen, sind wir in dieser Funktion eben auch nicht anders als zum Beispiel die Kirche. Werden wir Bürgern deshalb sagen, wie sie sich zu verhalten oder an was sie zu glauben haben? Nein. Aber werden wir sie aus der Knechtschaft ihres Glaubens befreien? Ich würde zwei mal darüber nachdenken.

Der Brief

Israel in meinem Wohnzimmer

Es ist sehr schwierig für mich, etwas zur Situation in Israel zu sagen. Was soll man da sagen? Da kann man nichts sagen, da kann man sich nur hinsetzen und weinen. Irgendwie haben beide Seiten recht, irgendwie haben beide Seiten unrecht, die Situation ist auswegslos. Es herrscht kein Frieden und die anderen sind daran schuld.  Welche Meinung ich nicht auch veräußere, ich bekomme immer eins aufs Dach dafür. Von meinen deutschen, linken Freunden bekomme ich Kritik dafür, dass ich Israel verteidige, meine Familie ist beleidigt über meine proarabischen Ansichten.
In anderen Neuigkeiten ziehen die Kinder des Freundes meiner Mutter bei uns ein.
Zur Situation bisher: In der 3-Zimmer-Wohnung in Wuppertal wohnten bislang meine Mutter, ihr Freund (seit 10 Jahren) und ihr autistischer, 18-jähriger Sohn. Ihr Freund, mein Ziehvater also, hat selbst fünf Kinder, drei davon leben noch bei seiner zweiten Ehefrau. Die ziehen nun um, von Wuppertal nach München. Jetzt ist seinem zweitältesten Sohn eingefallen, dass er ja noch Prüfungen in Wuppertal ablegen und darum irgendwo wohnen muss. Kurzerhand hat mein Ziehvater ihn also in seine Wohnung eingeladen. Und der Familienhund, ein ausgewachsener Golden Retriever mit einem Talent, genau da zu liegen, wo man gerade hintreten will, ist gleich mit gekommen. Als Willkommensgeschenk hat unsere zickige Katze Tia ihm auf die Hundedecke gepinkelt. Da schläft er immer noch. Dann hat die Widwe des besten Freundes meines Zievaters angerufen und gefragt, ob sie mit ihrer Freundin und ihrer Tochter für eine Nacht bleiben könnte. Kein Problem, so mein geselliger Ziehvater. Dann ist seinen beiden Zwillingstöchtern eingefallen, dass ja noch Schulferien sind und sie da in München noch überhaupt keine Freunde haben. Ob sie nicht für zwei Wochen bei ihrem Vater leben und sich mit ihren Freundinnen treffen könnten. Natürlich.
Es leben also in einer 75m²-Wohnung mit drei Zimmern mein Ziehvater, meine Mutter, mein Bruder, Juris Sohn, seine beiden Töchter, die Katze und der Hund. Meine Mutter versteht. Meine Mutter toleriert. Immerhin sind es ja Kinder. Kindern kann man nicht „nein“ sagen. Sie stolpert über das hinterlassene Chaos, sie toleriert den Gestank, sie kocht essen und sie kämpft mit sich, nicht auszuflippen. Das Einzige, was sie in wirklich tiefe Sorge stürzt, ist mein Bruder, der fremde Menschen unheimlich schwer verträgt, sich in seinem Zimmer einschließt, immer tiefer in die Depression rutscht.
In einem Anfall von Heldenmut habe ich beide in meine Einzimmerwohnung geholt. Für ein paar Tage. Mein Bruder schlief auf dem Sofa, meine Mutter saß bei mir auf dem Bett und wir diskutierten angeregt. Über Israel. Darüber, wie ein Volk, das keinen anderen Platz zum Leben hat, von allen umliegenden Nationen vernichtet werden soll, sie diese Länder die Vernichtung des Staates teils in ihre Konstitution aufnehmen. Sie spricht über das furchtbar schwere Schicksal des Volks Israel. Dann verstummt sie, ihre Augen blicken mit dem Humor der Resignation vor sich hin: „Eigentlich ist in unserer Wohnung ein Miniaturmodell des Nahostkonflikts“.
Die Familie meines Ziehvaters wird gerade über Deutschland verteilt. Der einzige Ort, an dem sie im Moment zusammen sein können, ist in der Wuppertaler Wohnung. Meine Mutter wohnte da aber noch, ehe ihr Freund überhaupt eingezogen ist. Und mein Bruder auch. Dennoch müssen sie jetzt Platz machen. Sie müssen sich an die neuen Lebensumstände gewöhnen oder weggehen. Sie sind zu Arabern geworden. Nun erlebt meine Mutter selbst, wie viel Kraft und Selbstbeherrschung es kostet, ihn nicht anzugreifen, seine Sachen nicht gesammelt aus dem Fenster zu werfen dafür, dass er sie überall herum liegen lässt. Sie kann es, weil sie eine Einzelperson und kein durchmischtes Volk ist – und weil sie ihn immerhin liebt. Plötzlich eröffnet sich ihr aber tiefstes Verständnis für diese andere Seite des Konflikts. Wie schwer wäre es, wenn es Fremde wären.
Ich weiß ja, dass mein Artikel hier bei vielen Juden auf Unverständnis treffen mag. Und wer von den anderen Lesern denkt, Israel hätte es in irgendeinerweise leichter, der möge sich nochmal mit mir darüber in Verbindung setzen. Vertreibung, Kampf um Identität und ums Überleben auf der einen Seite, und Vertreibung, Kampf um das eigene Recht auf der anderen Seite. Da habt ihr es.
Wie, wie um alles in der Welt, kann es in so einer Situation jemals Frieden geben? Es gibt keinen Weg als den, den Gott seinerzeit in der Wüste gewählt hat. Der Krieg muss beendet werden und es müssen 40 friedliche Jahre vergehen. Und wenn das letzte Kind des Krieges gestorben ist, wenn der letzte Augenzeuge von Hunger und Bombenangriffen schweigt,  erst dann kann man langsam anfangen, über echten Frieden zu denken.
Was können wir hier im Westen tun? (Immerhin lest ihr diesen Artikel ja auf deutsch.) Wir können nichts tun, als mit gutem Beispiel voran gehen. Solange, wie wir diesen Krieg hier grundlos, ohne da rein verwickelt zu sein, weiterführen; solange wie sich die Juden und Muslime hier nicht riechen können wegen verletzten Stolzes der entfernten Verwandten oder auch bloß Glaubensgenossen; solange kann und wird es keinen Schritt in die richtige Richtung geben. Wenn wir hier es nicht schaffen, friedlich zu koexistieren, dann werden die emotional so schwer betroffenen Menschen im nahen Osten erst recht nicht tun können. Wen wir, wo keine Bomben auf unsere Straßenkreuzungen fallen, wo die Anderen nicht unsere Kinder töten, nicht in Dialog treten, wie können wir das von denen erwarten?
Mein Aufruf geht hier in zwei Richtungen. Liebe Juden und Muslime in Deutschland, geht auf einander zu. Zumindest ihr, die Jugend, die Aufgeschlossenen, die Globalisierten – zeigt offen, dass das möglich ist. Beteiligt euch an einem der vielen Brücken- oder Dialogprojekte.
Liebe Deutsche, die die eine oder andere Seite in diesem Konflikt unterstützen und sich mit ihr solidarisieren. Tut das nicht. Solidarisiert euch mit dem Frieden. Kämpft nicht für die Rechte des Einen oder des Anderen, kämpft für die Rechte beider.
Ich weiß, dass viele mir schreiben werden, dass alles ja gar nicht so einfach sei, dass ich der einen oder anderen Propaganda verfallen sei, dass ja in Wirklichkeit die *** angefangen haben. Schreibt mir das nicht. Es ist egal, wer angefangen hat, wenn Kinder sterben. Es ist egal, wer angefangen hat, wenn es irgendwie zu beenden ist.

Eine Partei des gesunden Menschenverstandes

Liebe Piratenpartei,

du hast einen Klienten. Einen schwierigen Klienten, wenn ich das hinzufügen darf. Die Zukunft.
Und zwar natürlich eine ganz bestimmte Zukunft.

Dein Klient ist eine Zukunft, die du dir wage vorstellen kannst. Sie basiert auf der Gesellschaft, die heute im Internet ihre Geburt erlebt und qualitativ anders sein wird, als die Gesellschaft des vergangenen Jahrhunderts. Sie wird die Revolutionen, Verwirrungen, den Befürchteten Verlust der Moral, die Veränderungen und Missverständnisse verarbeiten und ein neues, stichhaltiges Konzept daraus schaffen, wie der Mensch funktioniert.

Sie wird vermutlich jedem eine Stimme verleihen und die Lautstärke dieser Stimmen einer Selbstregulation überlassen, wie es heute in Netzwerken wie Twitter modellarisch passiert. Sie wird eine Art Evolution der Meinungen etablieren. Sie wird neue Massenmechanismen besitzen, die Dinge wie Politik und Gesellschaft verändern wollen.

Du bist der Anwalt dieser Zukunft und das ist gar nicht so leicht.

Wenn wir von Visionen sprechen, sprechen wir oft von unterschiedlichen Visionen. Die einen wollen den Überwachungsstaat verhindern, sie wollen, dass alle anonym und dadurch frei sind. Die anderen wollen, dass die Politik und die Wirtschaft besser überwacht werden. Die meisten wollen beides zugleich, weil es kein Widerspruch ist. Die einen wollen eine neue Gesellschaft formen, die anderen wollen das Urheberrecht so verändern, dass Daten kopierbar sind.

Und dann gibt es natürlich noch die, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, dich, die Piratenpartei zu formen. Sie möchten, dass diese ganze Arbeit perfekt optimiert wird. Es soll basisdemokratisch sein, jeder soll etwas zu sagen haben. Gleichzeitig soll es aber auch schnell gehen. Gleichzeitig sollen alle Daten aller Mitglieder aber auch geschützt sein. Die einen wollen nicht von den Wurzeln (freies Internet) weg, die anderen fordern eine drastische Ausweitung der Themen. Eigentlich besteht die Piratenpartei aus etwa 1500 Parteien, aber das kann nicht funktionieren.

Und diese unsere Unterschiede, die wir eigentlich gut finden und tolerieren wollen, führen zu großen Problemen. Einige sprechen von einem Stillstand der Politikarbeit insgesamt. Auf den Mailinglisten wird sich nur noch um Satzungskonflikte und Partei-Regelungen gestritten.

„Das ist kein Piratenthema“, „Das ist nicht basisdemokratisch“, „Du kapierst einfach gar nichts und hast in der Politik nichts verloren.“

Die meisten sagen zeitgleich, dass das alles ein Kindergarten ist und so nicht weiter gehen kann. Alle sagen es. Selbst die eifrigsten Verfechter ihrer Meinung. Das ist aber nun auch nicht gerade konstruktiv.

Was ist dann konstruktiv? Wie kann man bei diesen Wetterverhältnissen noch Politik machen?

Mein Vorschlag dazu ist ein ganz einfacher. Konstruktiv ist es, sich umzusehen. Such die Probleme, die es in Deutschland oder in deiner Stadt gibt. Die kleinen, die einzelnen. Es gibt genug davon.

Such dir Leute, die sich mit diesen Problemen auskennen oder davon betroffen sind. Such Experten und sprich mit ihnen. Möglichst mit allen Parteien.

Arbeite mit deinem Kreisverband oder mit deiner Crew oder von mir aus mit deinen Nachbarn und dem Hund und der Hilfe von Experten eine Lösung für dieses Problem aus.

Kannst du schon von deinem Ort aus über die Kommunalpolitik, über Aktionen oder die Presse etwas Ändern? Gut. Dann tu es.

Kannst du es nicht? Dann fahr zum Bundesparteitag und stell deine Lösung dort zur Abstimmung.

Und übersieh die Mailinglisten und den Streit darauf. Empör dich nicht, wenn jemand, den du unterstützt, beleidigt worden ist. Unterstütze diejenigen, die du magst und lasse die, die du nicht magst, in Ruhe.

Denn gerade die Gegensätzlichkeit der Ideen in Verbindung mit unserer besonderen Struktur ist ja das, was an der Piratenpartei bestechend ist:

Es ist eine Partei, die erstmal alles als potentiell gut anerkennt und jede Idee hört. Wenn alle mitsprechen dürfen, kommt am Ende optimalerweise etwas heraus, das mit gesundem Menschenverstand zu tun hat. Denn es ist nicht die Idee von wenigen, die durch Medien oder durch Machtstrukturen etablierter Parteien künstlich gepuscht wird. Wer eine schlechte Idee hat, wird viel Kritik ernten. Wer eine gute Idee hat, der wird sich bei den meisten damit durchsetzen können. Und das ist genau der Punkt an Demokratie.

Die einführung des Liquid Feedback als internetgestütztem Werkzeug zur Meinungbildermittlung wird einer der Meilensteine auf diesem Weg sein und uns viele Türen öffnen.

Sicher, das alles kann auch scheitern, aber erstmal ist es ein Experiment mit großen Aussichten. Und das muss uns allen zu jeder Zeit bewusst sein.

Liebe Piratenpartei,

ich will an dich eine Forderung stellen. Ich möchte, dass du durch die dir gegebenen Strukturen und durch die Überzeugung deiner Mitglieder zu einer Partei des gesunden Menschenverstandes wirst. Ich möchte, dass du selbst das Beispiel jener Gesellschaft wirst, für die du kämpfst. Ich wünsche mir, dass viele deiner Mitglieder sich von meinem stumpfsinnigen Optimismus anstecken lassen und einfach anpacken.

Grüße und Küsse,

deine Marina

Anhang I

Hier im Kuschelverband Münster wollen wir jetzt einfach mal damit loslegen und gucken, wie gut es geht. Da wir zur Zeit so motiviert sind, laden wir auch die inaktiven Münsteraner sehr herzlich zu unserem Arbeitsstammtisch am Dienstag, den 03.08. ins Piratenbüro ein. Es wird um Dinge gehen.

Anhang II

Mailinglisten sind kein Medium, auf dem Politik gemacht werden kann. Das sind sie einfach nicht. Wirklich.