Israel in meinem Wohnzimmer

Es ist sehr schwierig für mich, etwas zur Situation in Israel zu sagen. Was soll man da sagen? Da kann man nichts sagen, da kann man sich nur hinsetzen und weinen. Irgendwie haben beide Seiten recht, irgendwie haben beide Seiten unrecht, die Situation ist auswegslos. Es herrscht kein Frieden und die anderen sind daran schuld.  Welche Meinung ich nicht auch veräußere, ich bekomme immer eins aufs Dach dafür. Von meinen deutschen, linken Freunden bekomme ich Kritik dafür, dass ich Israel verteidige, meine Familie ist beleidigt über meine proarabischen Ansichten.
In anderen Neuigkeiten ziehen die Kinder des Freundes meiner Mutter bei uns ein.
Zur Situation bisher: In der 3-Zimmer-Wohnung in Wuppertal wohnten bislang meine Mutter, ihr Freund (seit 10 Jahren) und ihr autistischer, 18-jähriger Sohn. Ihr Freund, mein Ziehvater also, hat selbst fünf Kinder, drei davon leben noch bei seiner zweiten Ehefrau. Die ziehen nun um, von Wuppertal nach München. Jetzt ist seinem zweitältesten Sohn eingefallen, dass er ja noch Prüfungen in Wuppertal ablegen und darum irgendwo wohnen muss. Kurzerhand hat mein Ziehvater ihn also in seine Wohnung eingeladen. Und der Familienhund, ein ausgewachsener Golden Retriever mit einem Talent, genau da zu liegen, wo man gerade hintreten will, ist gleich mit gekommen. Als Willkommensgeschenk hat unsere zickige Katze Tia ihm auf die Hundedecke gepinkelt. Da schläft er immer noch. Dann hat die Widwe des besten Freundes meines Zievaters angerufen und gefragt, ob sie mit ihrer Freundin und ihrer Tochter für eine Nacht bleiben könnte. Kein Problem, so mein geselliger Ziehvater. Dann ist seinen beiden Zwillingstöchtern eingefallen, dass ja noch Schulferien sind und sie da in München noch überhaupt keine Freunde haben. Ob sie nicht für zwei Wochen bei ihrem Vater leben und sich mit ihren Freundinnen treffen könnten. Natürlich.
Es leben also in einer 75m²-Wohnung mit drei Zimmern mein Ziehvater, meine Mutter, mein Bruder, Juris Sohn, seine beiden Töchter, die Katze und der Hund. Meine Mutter versteht. Meine Mutter toleriert. Immerhin sind es ja Kinder. Kindern kann man nicht „nein“ sagen. Sie stolpert über das hinterlassene Chaos, sie toleriert den Gestank, sie kocht essen und sie kämpft mit sich, nicht auszuflippen. Das Einzige, was sie in wirklich tiefe Sorge stürzt, ist mein Bruder, der fremde Menschen unheimlich schwer verträgt, sich in seinem Zimmer einschließt, immer tiefer in die Depression rutscht.
In einem Anfall von Heldenmut habe ich beide in meine Einzimmerwohnung geholt. Für ein paar Tage. Mein Bruder schlief auf dem Sofa, meine Mutter saß bei mir auf dem Bett und wir diskutierten angeregt. Über Israel. Darüber, wie ein Volk, das keinen anderen Platz zum Leben hat, von allen umliegenden Nationen vernichtet werden soll, sie diese Länder die Vernichtung des Staates teils in ihre Konstitution aufnehmen. Sie spricht über das furchtbar schwere Schicksal des Volks Israel. Dann verstummt sie, ihre Augen blicken mit dem Humor der Resignation vor sich hin: „Eigentlich ist in unserer Wohnung ein Miniaturmodell des Nahostkonflikts“.
Die Familie meines Ziehvaters wird gerade über Deutschland verteilt. Der einzige Ort, an dem sie im Moment zusammen sein können, ist in der Wuppertaler Wohnung. Meine Mutter wohnte da aber noch, ehe ihr Freund überhaupt eingezogen ist. Und mein Bruder auch. Dennoch müssen sie jetzt Platz machen. Sie müssen sich an die neuen Lebensumstände gewöhnen oder weggehen. Sie sind zu Arabern geworden. Nun erlebt meine Mutter selbst, wie viel Kraft und Selbstbeherrschung es kostet, ihn nicht anzugreifen, seine Sachen nicht gesammelt aus dem Fenster zu werfen dafür, dass er sie überall herum liegen lässt. Sie kann es, weil sie eine Einzelperson und kein durchmischtes Volk ist – und weil sie ihn immerhin liebt. Plötzlich eröffnet sich ihr aber tiefstes Verständnis für diese andere Seite des Konflikts. Wie schwer wäre es, wenn es Fremde wären.
Ich weiß ja, dass mein Artikel hier bei vielen Juden auf Unverständnis treffen mag. Und wer von den anderen Lesern denkt, Israel hätte es in irgendeinerweise leichter, der möge sich nochmal mit mir darüber in Verbindung setzen. Vertreibung, Kampf um Identität und ums Überleben auf der einen Seite, und Vertreibung, Kampf um das eigene Recht auf der anderen Seite. Da habt ihr es.
Wie, wie um alles in der Welt, kann es in so einer Situation jemals Frieden geben? Es gibt keinen Weg als den, den Gott seinerzeit in der Wüste gewählt hat. Der Krieg muss beendet werden und es müssen 40 friedliche Jahre vergehen. Und wenn das letzte Kind des Krieges gestorben ist, wenn der letzte Augenzeuge von Hunger und Bombenangriffen schweigt,  erst dann kann man langsam anfangen, über echten Frieden zu denken.
Was können wir hier im Westen tun? (Immerhin lest ihr diesen Artikel ja auf deutsch.) Wir können nichts tun, als mit gutem Beispiel voran gehen. Solange, wie wir diesen Krieg hier grundlos, ohne da rein verwickelt zu sein, weiterführen; solange wie sich die Juden und Muslime hier nicht riechen können wegen verletzten Stolzes der entfernten Verwandten oder auch bloß Glaubensgenossen; solange kann und wird es keinen Schritt in die richtige Richtung geben. Wenn wir hier es nicht schaffen, friedlich zu koexistieren, dann werden die emotional so schwer betroffenen Menschen im nahen Osten erst recht nicht tun können. Wen wir, wo keine Bomben auf unsere Straßenkreuzungen fallen, wo die Anderen nicht unsere Kinder töten, nicht in Dialog treten, wie können wir das von denen erwarten?
Mein Aufruf geht hier in zwei Richtungen. Liebe Juden und Muslime in Deutschland, geht auf einander zu. Zumindest ihr, die Jugend, die Aufgeschlossenen, die Globalisierten – zeigt offen, dass das möglich ist. Beteiligt euch an einem der vielen Brücken- oder Dialogprojekte.
Liebe Deutsche, die die eine oder andere Seite in diesem Konflikt unterstützen und sich mit ihr solidarisieren. Tut das nicht. Solidarisiert euch mit dem Frieden. Kämpft nicht für die Rechte des Einen oder des Anderen, kämpft für die Rechte beider.
Ich weiß, dass viele mir schreiben werden, dass alles ja gar nicht so einfach sei, dass ich der einen oder anderen Propaganda verfallen sei, dass ja in Wirklichkeit die *** angefangen haben. Schreibt mir das nicht. Es ist egal, wer angefangen hat, wenn Kinder sterben. Es ist egal, wer angefangen hat, wenn es irgendwie zu beenden ist.

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Jüdische Identität

Das ist ein für mich schwieriges Thema, darum werde ich es vermutlich nicht bei einem Artikel dazu belassen.

Israels bekanntester Premierminister David Ben Gurion gab 1955 bei den Weisen Israels den Auftrag, festzuhalten, was die „Jüdische Identität“ ausmacht.
Es sind dabei lange Bücher und Erläuterungen zu stande gekommen, die alle versuchen, etwas herauszustellen, natürlich sehr viel über Kultur und Geschichte sprechen und letzlich meist zu dem Schluss kommen: Es gibt eine riesige Vielfalt, in dem, was Juden als ihre Identität ansehen. Die meisten davon fühlen sich aber durch ihr Judesein nicht anders als alle anderen Menschen.

Ich komme aus einer Familie, in der die jüdische Kultur, auf meinen Großvater zurückgehend, vollkommen zur Seite geschoben wurde. Mein Großvater soll noch jiddisch gesprochen haben, wenn er mit meiner Großmutter stritt. Mein Vater besonn sich der Tatsache, Jude zu sein, nur auf den Papieren. Ich selbst habe davon überhaupt erst mit 12 erfahren.
Es ist ein seltsames Gefühl, so viel über den Holocaust gelernt zu haben, über die israelische Staatsbildung und, und, und… und plötzlich festzustellen, dass man selbst irgendwo davon betroffen ist.
Aber wie betroffen? Habe ich es denn plötzlich erlebt? Ist mitmal ein schweres Schicksal, oder eine neue Kultur vom Himmel auf mich gefallen? Habe ich denn, nach 12, nicht genau so gelebt wie vorher? Ich denke nicht anders, kleide mich nicht anders, meine Familie ist auch dieselbe. Die selbe Familie, für die Shabbat etwas ist, was andere Juden gern machen, ein Quell von lustigen Anekdoten (letztere auf Anfrage).
Im Laufe meines Aufwachsens habe ich immer mehr von der Familiengeschichte gehört. Wie mein Großvater mit seiner Herkunft zu kämpfen hatte, während seiner Zeit beim sovietischen Militär. Wie antijüdisch die Ukraine auch heute noch ist. Nun, warum ich überhaupt erst die Chance hatte, nach Deutschland zu kommen.

Wie der geneigte Leser sicher bereits weiß, bin ich ein sehr gläubiger Mensch. Vielleicht wird es Zeit, den Glauben etwas zu erläutern. Ich glaube an Gott. Mehr nicht. Das qualifiziert mich nicht gerade als gute Christin. Als gute Christin muss man noch an x Dinge glauben. Aber ironischer Weise qualifiziert es mich auch nicht als gute Jüdin. (Gibt es auch im Deutschen getrennte Wörter für jüdisches Genom und jüdischen Glauben?) Ich bin dazu nicht traditionell genug, nicht bewandert genug in den Sitten, Riten und Feiertagen, im Wort Gottes. (Obschon ich letzteres äußerst ausgiebig studiert habe, kann ich nicht von mir behaupten, es jemals von einem Rabbiner interpretiert gehört zu haben.)
Ich bin nicht… jüdisch genug.
Das ist ein großes Problem bei den Juden in Deutschland insgesamt. Hier herrscht ein Wettbewerb, wer wohl jüdischer sei. Meiner Ansicht nach (und sie ist halb von innen und halb von außen, und vielleicht gerade darum wertvoll) bilden die jüdischen Gemeinden in Deutschland einen elitären Kreis, zu dem der Zutritt mit genug gutem Willen möglich sein mag, aber immer unheimlich nervenaufreibend und problematisch für das Ego ist. Ich will dazu einen Artikel von Mirjam Lübke zitieren:

„Woran liegt es also, dass auch wir Juden bei jedem Neuankömmling in der Gemeinde sofort das große Ratespiel beginnen, ist er’s oder ist er’s nicht? Halbseitig jüdisch, falschseitig jüdisch, gar nicht jüdisch oder – pfui – gar wieder so ein Spinner, der zum Judentum übergetreten ist? Wir prüfen Aussehen und Frisur, das Benehmen beim Beten, den Akzent und die Nase mit dem Eifer eines Rassentheoretikers.“

Das Opfervolk schlägt zurück.

Ich habe viele Aussagen und Zeichen von Juden gesehen, die immer wieder paranoid auf die Deutschen zeigen und den Judenhass in jeder derer Gesten sehen. Der Holocaust scheint noch lange nicht vorbei!
Neulich war ich auf haGalil und habe dort den satirischen, „gutmütigen“ Comic von „Moische, dem Judenhund“ gefunden.
Der Hund führt eine Ende auf Rädern an der Leine und erlebt in Deutschland immer verschiedene Begegnungen, bei denen er seine koschere jüdische Meinung äußert. Einige sind amüsant. Einige sind einfach nur antiislamistisch. Einige weit hergeholt.

Ein Beispielcomic . Ihr könnt euch ruhig auf der Seite umsehen, um euch ein Bild zu machen.

Ich habe dem Schöpfer Daniel Haw eine Email geschrieben, in der ich meine Meinung zu diesem Comic veräußert habe. In etwa lautete mein Punkt, dass ich es als übertrieben erachte, dass Deutsche sich immernoch so gegen das Judentum stellen und sich mit Muslimen verbündeten. (Die ja ach so böse sind. Ich habe noch neulich in meinem Seminar über Kreativität eine Muslimin über die herausragenden kreativen Leistungen von Juden sprechen hören.)

Ich belegte meine Meinung mit meinen eigenen Erfahrungen meiner jüdischen, ausländischen Familie in Deutschland. Nie hat irgendjemand von uns Feindlichkeit oder Ausgrenzung zu spüren bekommen. Meiner Meinung nach ist Deutschland, wenn auch erzwungenermaßen, das tolleranteste Land der Welt. Ein böser Handgriff ist uns möglich, wenn jemand sagt, dass wir (egal, in welchem Zusammenhang) dummes Zeug reden oder einfach unrecht haben.
„Das sagst du nur, weil ich Jüdin bin!“ -BAM!- Die deutsche Paranoia greift. Niemand wird widersprechen. Meine Freunde hassen das. Zurecht! Und Gott sei Dank.

Wie dem auch sei, Herr Haw hat mir geantwortet und ich würde gern einen Teil seiner Mail zitieren, um eine verzerrte Darstellung zu vermeiden:

„Der brüderliche Schulterschluss von Neonazis und Islamisten, die radikal-antiisraelische Linke in Deutschland, die Appeasementpolitik der Grünen bezüglich des Iran und der Palästinenser, die Sponsoren-Verweigerung jüdischer Kulturprojekte seitens deutscher Unternehmen und des Staates, die Schändungen jüdischer Friedhöfe, die politische Situation in Ostdeutschland und das Erstarken der NPD sind Ihnen unbekannt?
Da bewundere ich aber Ihr Gemüt!“

Ich habe ihm noch nicht darauf geantwortet, denn ich informiere mich noch. Ich bin kein Fan von unrecherchierter Argumentation. Ich belege meinen Punkt gern.

Mein einziger Kommentar: Meiner Meinung nach gibt es in einer pluralistischen Gesellschaft immer wieder Strömungen, die gegen irgendwas sind. Bestimmt auch Strömungen gegen Juden. Bei einer solchen Anzahl an Meinungen wird jede einmal vertreten sein. Aber Juden sind davon nicht schlimmer betroffen als andere. Friedensschluss mit dem Islam ist keine Kriegserklärung an das Judentum; solange einer der beiden Parteien so denkt, wird es nie Frieden geben, und das ist das, was nach Bibel das Reich Gottes definiert. Solange Juden nicht aufhören, sich als ewige Opfer darzustellen, sich auszugrenzen und ihre elitäre Gesellschaft zu bilden, so lange werden die Deutschen, die ihnen hier Heim und Akzeptanz bieten, berechtigt Skepsis gegen sie hegen!
Ich bitte, meine Aussage nicht auf alle Juden zu übertragen. Gott sei Dank sind die meisten doch vernünftig, ich spreche von denen, die sich tatsächlich ausgrenzen.
Das Ziel, das in Deutschland angestrebt werden sollte, ist nicht, die Juden in einen unberührbaren Status zu bringen, sondern in Frieden mit Deutschen. Und das kann nicht passieren, solange sie durch eine Mauer von denen getrennt sind. Egal, welche von beiden Seiten sie baut!

Ich schließe. Zu viele Gedanken auf zu wenig Artikel. Vielleicht werde ich mich später differenzierter fassen. Ich möchte, dass man hieraus einen Punkt mitnimmt, und dass ist ungeachtet allen anderen der wichtigste Punkt:

Wir glauben alle an denselben Gott, Einzelne mehr, Einzelne weniger. Die Religionen fassen diesen Gott teils verschieden auf. Es gibt zwischen uns allen Differenzen, die wir austragen. Aber es ist möglich, dass wir dennoch in Frieden mit einander übereinkommen. Das sei mein naiver Glaube.

Rebekka, David und Diccon