Über die Freiheit, unfrei sein zu dürfen

Es begann auf der open mind 2010, jener bedenklichen Versammlung von Freibeutern und Seelenverwandten in Kassel, auf der darüber diskutiert wurde, wie wir uns die Zukunft vorstellen. Es würde den Artikel sprengen, die Veranstaltung in den Himmel zu loben, was sie zweifelsohne verdient hätte, weil ich selten so vielen intelligenten Ideen auf einmal begegnet bin.

Das Wort jenes Wochenendes war Freiheit. Das Wort „Freiheit“ verwendet der Pirat etwa so oft, wie der durchschnittliche Deutsche das Wort „ich“ verwendet. Einer der vielen Vorträge, die das Wort im Titel trugen, war der ausgezeichnete Beitrag von Pavel Mayer, mit dem Volltitel: „Freiheit“ in den Grundsatzprogrammen der etablierten Parteien und im Grundgesetz“. Hier stellte er die teilweise obszön-kontroversen Verschmelzungen dar, in denen der Wert „Freiheit“ mit Werten wie „Sicherheit“ in Grundsatzprogrammen anderer Parteien zu einem moralistischen Wortsalat zusammengepresst wurde. Der Teil des Vortrags, der meine Aufmerksamkeit am meisten fesselte, war aber vor allem die Definition von Freiheit, oder deren Beschreibung an und für sich.
„Freiheit“, so stellte Mayer sinngemäß heraus, „ist aber auch eine Pflicht, eine Verantwortung.“

Der Tenor der ganzen Veranstaltung war, dass die Piratenpartei in einer Gesellschaft leben will, in der jedes Individuum viel Freiheit besitzt; nämlich genau so viel, wie es die Freiheit der Anderen nicht beschneidet. Für diese Freiheit und ihre Grenzen muss jedes Individuum die Verantwortung tragen. Dafür muss es aufgeklärt, emanzipiert, gebildet sein. Nur so kann eine solche mündige Gesellschaft gewährleistet werden. Eine Gesellschaft also, in der wir nicht auf jemanden angewiesen sind, der die Verantwortung für uns trägt. Damit entfällt die Notwendigkeit von religiösen Oberhäuptern, einem starken Staat, einer aufgepropften Moral.

Und das passt gerade Piraten ganz gut in den Kram. Geistige Führung widerspricht dem mündigen, gebildeten und freien Bürger, den die Partei will – und aus denen sie besteht. Schon das Wort ‚klassische Werte‘ bekommt hier gleich einen verstaubten, negativ besetzten Klang. Man hängt ganz dem aufklärerischen Gedanken an, der einzige Wert ist der Mensch, und wie sein freier Wille ihn führt, so soll er leben. Die Erkenntnis soll die Wissenschaft sein. Die Piratenpartei beansprucht für sich gar oft, überhaupt ideologiefrei zu sein.

An dieser Stelle lehnte sich Julia Schramm ganz weit aus dem Fenster und hielt einen Vortrag mit dem Titel „Ideologie und Emanzipation“, der mit dieser Ideologiefreiheit etwas aufräumte. Haben wir wirklich keine Ideologie? Sollten wir auch wirklich keine haben? Das heute negativ besetzte Wort Ideologie, so geht aus ihrem Vortrag hervor, wechselte im 19. Jahrhundert den Glauben an Gott ab. Es war also etwas Neues, das eine alte Funktion erfüllte: Den Menschen Halt geben. Und nun kommen die Piraten und sagen: Ihr braucht keinen Halt mehr. Seid frei.

Als Mayer seine Erläuterungen zu Freiheit und Verantwortung ausführte, stellte ich ihm öffentlich eine Frage: „Was ist mit den Menschen, die nicht frei sein wollen?“

Ich stellte mir meine eigene Großmutter vor, die in einigen Jahren vielleicht alt wird und dann in ihrem Wohnzimmer sitzt und fern sieht, wo man ihr sagt, dass sie mit ihrem Leben nun machen kann, was sie will. Was ist richtig? Was ist falsch? Vielleicht will sie dazu nicht alle erdenklichen Quellen konsumieren, bewerten, für sich in eine Reihenfolge legen und daraus Handlungsanweisungen ableiten? Vielleicht will sie einfach leben und diesen Halt in etwas haben. Vielleicht will sie die Verantwortung nicht tragen, die immer mit erhobenem Zeigefinger an die Freiheit geknüpft wird.

Letzlich – beschneiden wir, die die ultimative Freiheit fordern, nicht jene in ihrer Freiheit, die nicht frei sein wollen? Sollte nicht auch das eine individuelle Entscheidung sein? Ich frage, was die Piratenpartei den Menschen zu bieten hat, für die das Konzept von Freiheit nicht so verlockend ist.

Aus irgendeinem Grund ist der Wunsch nach absoluter Emanzipation als völlige Selbstverständlichkeit für jeden Menschen aufgestellt. Damit reißen wir aber Menschen aus einer gewissen Sicherheit und … naja, Freiheit von Verantwortung, die eine Gesellschaft so bieten kann.

Ich habe auf meine Frage die nachdenkliche Antwort bekommen, dass Religion solch ein Halt sein könnte. Freiwillige Religion, die nicht vom Staat diktiert wird, die aber da ist, verfügbar, falls man heute mal nicht frei sein will. Das klingt tatsächlich sinnig.
Die Frage ist, wie überzeugend eine Religion ist, die nicht mehr seit Kindesbeinen gelehrt wird. Das hieße ja, dass meine Großmutter wieder ins Internet gehen müsste und alles von Baptismus bis Buddhismus studieren müsste, sich dann das passende Modell aussucht und danach lebt. Denn wenn Religion in einer fernen, piratenutopischen Zukunft nicht mehr unfreiwillig gelehrt wird, steht die christliche Religion Deutschland ja nicht näher, als jede andere.

Was soll es überhaupt, dass ich als Pirat ideologiefrei bin? Heißt das, dass ich also an keine Idee glauben soll? Aber ich glaube doch an Ideen! Ich glaube an die Idee der Freiheit, der Bildung, des Friedens. Ich glaube ja nicht nur daran, ich kämpfe dafür, ich arbeite mir den Hintern ab und tippe lange Artikel mitten in der Nacht. Ich gehe dafür auf die Straße. Ich habe bisher kaum jemanden gesehen, den kalte Wissenschaft auf die Straße getrieben hätte (Akademiker-Arbeitslosigkeit ausgenommen).
Selbstverständlich haben wir eine Ideologie und ich gehe sogar so weit zu sagen, dass wir eine der ideologischsten Parteien sind; wir glauben fest an unsere Ideale.
In heimlicher Wirklichkeit sind das auch die Dinge, an denen wir uns festhalten. Wir halten uns daran fest bei bescheidenen Wahlergebnissen und bei internem Streit, bei durchgearbeiteten Nächten und in unserer eigenen Frage nach dem möglichen Sinn unseres Lebens.

Ich bin ja jemand, der zusätzlich noch an Gott glaubt. Wirklich so sehr, dass ich mir dauernd überlege, ob ich das Wort ausschreibe. Ja. Wirklich. Hier kann ich es ja mal sagen. Aber bitte sagt es nicht weiter, denn dafür werde ich häufiger mal ausgelacht in meiner Partei. Ich werde wirklich oft, teils mit Abfälligkeit, gefragt, warum ich mich solchen überalteten Gesetzen füge, warum ich mein Leben von „jemandem“ da oben bestimmen lasse.
Warum ich das mache ist ja eine ganz andere Geschichte. Ich kann halt einfach nicht anders. Ich sehe mit meinen Augen und ich glaube mit meinem Herzen. Ich müsse größte Mühe aufwenden, um beides zu verhindern, und dann wäre es vielleicht auch nicht zielführend.

Dieser um sich greifende Nihilismus in der Piratenpartei, die gern alles empirisch hätte und nichts wirklich glauben will, ist zwar ein Werkzeug der Rationalisierung, aber sowohl für uns als auch für unsere Wähler gefährlich.
Wir müssen unsere Gedanken auch darauf lenken, wie es Menschen geht, die von ihrer psychologischen Konstruktion her anders sind, als wir. Niemand wird mir doch widersprechen, dass es in unserer Wunschgesellschaft Werte gibt, die alle beachten sollen? Die Würde des Menschen, zum Beispiel. Gegenseitigen Respekt, oder zumindest freundliche Ignoranz. Und da wir uns Werte wünschen, sind wir in dieser Funktion eben auch nicht anders als zum Beispiel die Kirche. Werden wir Bürgern deshalb sagen, wie sie sich zu verhalten oder an was sie zu glauben haben? Nein. Aber werden wir sie aus der Knechtschaft ihres Glaubens befreien? Ich würde zwei mal darüber nachdenken.

Der Brief

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Ein Tag aus Gottes Leben

Niemals unterschätzt werden darf die Bedeutung von Begegnungen mit Fremden. Gerade Vertrauen trägt einen weiter, als man denkt.

Es begann heute um 15:00. Ich surfte gelangweilt auf Facebook, als ein Bekannter mir einen Freundschaftsvorschlag schickte zu einem David […], der mir völlig unbekannt war. Ich erinnerte mich, dass ich diesen Bekannten mal gefragt hatte, ob der Juden aus Münster kennt, und verstand diese Empfehlung als Antwort. Ich bot besagtem David eine Facebook-Freundschaft an.

„Vielen Dank für die Freundschaftseinladung, aber wie kommst du auf mich?“, schrieb er wenige Minuten später im Chat. Ich erklärte ihm die Situation. Ja, sagte er, er sei tatsächlich in der Münsteraner Gemeinde. Für mich war das gefundenes Fressen, suche ich doch schon ewig nach jemandem, der mich dort einführt.

„Kann ich zum nächsten Shabbat-Gottesdienst kommen?“, fragte ich. Er sagte, er wolle heute eh spätenstens um halb 6 zur Synagoge, da könne ich ihn ja auch schon treffen. Ich lag zu diesem Zeitpunkt noch im Nachthemd auf dem Bett, aber warum nicht, dachte ich mir. Mein Freund reagierte auf diese Neuigkeit etwas ungehalten. So: „Du willst WAS? Du kennst ihn doch gar nicht! Du kennst ja nichtmal euren gemeinsamen Bekannten persönlich! Was sind das für ominöse Typen!? Du kannst doch nicht alleine da hin gehen?“ Ich bin doch gegangen. Wie froh ich bin.

17:00 traf ich ihn vor der Synagoge. David stellte sich als außergewöhnlich freundlicher Mensch heraus, er gab mir nicht nur eine Privatführung durch die Gemeinderäumlichkeiten, sondern zeigte mir auch, wo ich meine Mitgliedschaft beantragen konnte und führte mich danach noch mit in ein Eiscafé. Wir saßen mehrere Stunden da und unterhielten uns über Politik, Humor, Psychologie, Menschen, Computer, Juden und Nichtjuden. Unter Anderem erbot er sich, mir auf der Suche nach einem Praktikumsplatz zu helfen und ich will mich für die Verjüngung der jüdischen Gemeinde engagieren.

Ich habe nicht nur einen Menschen, sondern voraussichtlich einen ganzen Kreis von Menschen getroffen, die mir gleichgesinnt sind, meinen Humor verstehen, meine Werte teilen. Ein Geschenk. Aber das war nicht das Ende.

David brachte mich zum Hauptbahnhof, wo ich noch eine Weile auf den Bus warten musste. Ich klappte meinen Laptop auf und surfte – dankbar- auf facebook. Ich schreckte auf, als zwei Polizisten um mich herum standen.

„Entschuldigung, fühlen Sie sich hier sicher?“, fragte ein junger Mann mit der Statur eines Ziegelsteins und dem Hemd eines Ordnungshüters.
„… Ja…“, stammelte ich verwundert.
„Wissen Sie, hier am Bahnhof laufen allerlei Typen herum und Sie locken sie mit dem Laptop ziemlich an. Da geht einer vorbei und reißt ihn Ihnen aus der Hand, und dann stehen Sie da. Da können Sie nichts machen. Stecken Sie ihn lieber weg.“

Ich bedankte mich für den Hinweis und steckte verlegen mein Netbook ein. Ich vertraue Menschen zu sehr.
„Sie hat nicht nachgedacht“, entschuldigte sich eine Frau im mittleren Alter für mich, mit einem Lächeln auf ihren russischen Gesichtszügen. Als die Polizisten fort waren, starrte sie nachdenklich auf die Straße und sagte: „Früher war das hier nicht so. Man war sicher. Aber die letzten fünf Jahre… Es ist vieles anders geworden.“
„Woher kommen Sie?“, fragte ich.
„Aus Kasachstan.“
„Ah, und ich aus der Ukraine“.
„Studieren Sie hier?“, fragte sie mich dann nahtlos auf russisch.

Das weitere Gespräch führten wir dann auch auf russisch. Ich erzählte ihr, wie ich Politik mache, um die zunehmende Verarmung zu verhindern. Sie erzählte mir von ihren Töchtern in meinem Alter. Ich erzählte ihr von der Selbstausgrenzung der Juden. Sie fragte mich, warum dieses Volk immer leiden muss. Wir sprachen, unter welchen Bedingungen wir nach Deutschland gekommen waren. Sie als Aussiedlerin und ich als Jüdin. Sie sagte, dass sie mich schon am Aussehen und an der Sprache erkannt habe, Juden sprächen anders als Russen. Sie werde wegen ihrer dunklen Hautfarbe selbst für eine Jüdin gehalten. Ich sagte, dass ich ganz weiße Haut und fast blondes Haar habe, während meine Eltern eher dunkel sind. Da erzählte sie mir eine Geschichte:

Es gab mal ein Mädchen, das hatte dunkle Haut und schwarzes Haar, obwohl die Eltern beide blond waren. Alle wunderten sich, warum sie so aussah, und sie selbst betete oft, dass sie blond sein möge, wie ihre Eltern. Als sie ihr Studium abgeschlossen hatte, ging sie als freiwillige Aufbauhelferin in den nahen Osten. Zuerst wurde sie abgelehnt, weil sie die Sprache nicht sprach. Aber sie lernte die Sprache und trug die Kleidung der einheimischen. Schnell wurde sie mit ihrer dunklen Haut und ihrem schwarzen Haar akzeptiert. Wäre sie blauäugig gewesen, wäre ihr Weg unendlich schwerer gewesen.

„Gott hat jedem von uns seinen Platz zugedacht und dafür hat Er alles vorbereitet“, schloss die Frau die Geschichte mit einem listigen Flackern in ihrem intelligenten Blick. Und ich sagte: „Wie wundervoll ist es, Fremden zu begegnen.“

Sie gab mir Tipps für russische Läden, in denen ich günstig Pelmeni kriege und ich stieg aus dem Bus aus. Sie hatte gesagt, dass sie nicht wisse, wofür sie mir begegnet ist. Aber ich weiß es. Dieser Gedanke, warum ich blond bin, baut mich auf. Und wäre ich nicht so vertrauensvoll gewesen und hätte den Laptop mitten am Bahnhof benutzt und die Polizisten hätten mich nicht angesprochen, dann wäre ich dieser ungewöhnlich warmen Frau nie begegnet und ich hätte niemals solche Gedanken gehabt, wie ich gehabt habe.

Wunder geschehen. Punkt. Das ist einfach so.

Jüdische Identität

Das ist ein für mich schwieriges Thema, darum werde ich es vermutlich nicht bei einem Artikel dazu belassen.

Israels bekanntester Premierminister David Ben Gurion gab 1955 bei den Weisen Israels den Auftrag, festzuhalten, was die „Jüdische Identität“ ausmacht.
Es sind dabei lange Bücher und Erläuterungen zu stande gekommen, die alle versuchen, etwas herauszustellen, natürlich sehr viel über Kultur und Geschichte sprechen und letzlich meist zu dem Schluss kommen: Es gibt eine riesige Vielfalt, in dem, was Juden als ihre Identität ansehen. Die meisten davon fühlen sich aber durch ihr Judesein nicht anders als alle anderen Menschen.

Ich komme aus einer Familie, in der die jüdische Kultur, auf meinen Großvater zurückgehend, vollkommen zur Seite geschoben wurde. Mein Großvater soll noch jiddisch gesprochen haben, wenn er mit meiner Großmutter stritt. Mein Vater besonn sich der Tatsache, Jude zu sein, nur auf den Papieren. Ich selbst habe davon überhaupt erst mit 12 erfahren.
Es ist ein seltsames Gefühl, so viel über den Holocaust gelernt zu haben, über die israelische Staatsbildung und, und, und… und plötzlich festzustellen, dass man selbst irgendwo davon betroffen ist.
Aber wie betroffen? Habe ich es denn plötzlich erlebt? Ist mitmal ein schweres Schicksal, oder eine neue Kultur vom Himmel auf mich gefallen? Habe ich denn, nach 12, nicht genau so gelebt wie vorher? Ich denke nicht anders, kleide mich nicht anders, meine Familie ist auch dieselbe. Die selbe Familie, für die Shabbat etwas ist, was andere Juden gern machen, ein Quell von lustigen Anekdoten (letztere auf Anfrage).
Im Laufe meines Aufwachsens habe ich immer mehr von der Familiengeschichte gehört. Wie mein Großvater mit seiner Herkunft zu kämpfen hatte, während seiner Zeit beim sovietischen Militär. Wie antijüdisch die Ukraine auch heute noch ist. Nun, warum ich überhaupt erst die Chance hatte, nach Deutschland zu kommen.

Wie der geneigte Leser sicher bereits weiß, bin ich ein sehr gläubiger Mensch. Vielleicht wird es Zeit, den Glauben etwas zu erläutern. Ich glaube an Gott. Mehr nicht. Das qualifiziert mich nicht gerade als gute Christin. Als gute Christin muss man noch an x Dinge glauben. Aber ironischer Weise qualifiziert es mich auch nicht als gute Jüdin. (Gibt es auch im Deutschen getrennte Wörter für jüdisches Genom und jüdischen Glauben?) Ich bin dazu nicht traditionell genug, nicht bewandert genug in den Sitten, Riten und Feiertagen, im Wort Gottes. (Obschon ich letzteres äußerst ausgiebig studiert habe, kann ich nicht von mir behaupten, es jemals von einem Rabbiner interpretiert gehört zu haben.)
Ich bin nicht… jüdisch genug.
Das ist ein großes Problem bei den Juden in Deutschland insgesamt. Hier herrscht ein Wettbewerb, wer wohl jüdischer sei. Meiner Ansicht nach (und sie ist halb von innen und halb von außen, und vielleicht gerade darum wertvoll) bilden die jüdischen Gemeinden in Deutschland einen elitären Kreis, zu dem der Zutritt mit genug gutem Willen möglich sein mag, aber immer unheimlich nervenaufreibend und problematisch für das Ego ist. Ich will dazu einen Artikel von Mirjam Lübke zitieren:

„Woran liegt es also, dass auch wir Juden bei jedem Neuankömmling in der Gemeinde sofort das große Ratespiel beginnen, ist er’s oder ist er’s nicht? Halbseitig jüdisch, falschseitig jüdisch, gar nicht jüdisch oder – pfui – gar wieder so ein Spinner, der zum Judentum übergetreten ist? Wir prüfen Aussehen und Frisur, das Benehmen beim Beten, den Akzent und die Nase mit dem Eifer eines Rassentheoretikers.“

Das Opfervolk schlägt zurück.

Ich habe viele Aussagen und Zeichen von Juden gesehen, die immer wieder paranoid auf die Deutschen zeigen und den Judenhass in jeder derer Gesten sehen. Der Holocaust scheint noch lange nicht vorbei!
Neulich war ich auf haGalil und habe dort den satirischen, „gutmütigen“ Comic von „Moische, dem Judenhund“ gefunden.
Der Hund führt eine Ende auf Rädern an der Leine und erlebt in Deutschland immer verschiedene Begegnungen, bei denen er seine koschere jüdische Meinung äußert. Einige sind amüsant. Einige sind einfach nur antiislamistisch. Einige weit hergeholt.

Ein Beispielcomic . Ihr könnt euch ruhig auf der Seite umsehen, um euch ein Bild zu machen.

Ich habe dem Schöpfer Daniel Haw eine Email geschrieben, in der ich meine Meinung zu diesem Comic veräußert habe. In etwa lautete mein Punkt, dass ich es als übertrieben erachte, dass Deutsche sich immernoch so gegen das Judentum stellen und sich mit Muslimen verbündeten. (Die ja ach so böse sind. Ich habe noch neulich in meinem Seminar über Kreativität eine Muslimin über die herausragenden kreativen Leistungen von Juden sprechen hören.)

Ich belegte meine Meinung mit meinen eigenen Erfahrungen meiner jüdischen, ausländischen Familie in Deutschland. Nie hat irgendjemand von uns Feindlichkeit oder Ausgrenzung zu spüren bekommen. Meiner Meinung nach ist Deutschland, wenn auch erzwungenermaßen, das tolleranteste Land der Welt. Ein böser Handgriff ist uns möglich, wenn jemand sagt, dass wir (egal, in welchem Zusammenhang) dummes Zeug reden oder einfach unrecht haben.
„Das sagst du nur, weil ich Jüdin bin!“ -BAM!- Die deutsche Paranoia greift. Niemand wird widersprechen. Meine Freunde hassen das. Zurecht! Und Gott sei Dank.

Wie dem auch sei, Herr Haw hat mir geantwortet und ich würde gern einen Teil seiner Mail zitieren, um eine verzerrte Darstellung zu vermeiden:

„Der brüderliche Schulterschluss von Neonazis und Islamisten, die radikal-antiisraelische Linke in Deutschland, die Appeasementpolitik der Grünen bezüglich des Iran und der Palästinenser, die Sponsoren-Verweigerung jüdischer Kulturprojekte seitens deutscher Unternehmen und des Staates, die Schändungen jüdischer Friedhöfe, die politische Situation in Ostdeutschland und das Erstarken der NPD sind Ihnen unbekannt?
Da bewundere ich aber Ihr Gemüt!“

Ich habe ihm noch nicht darauf geantwortet, denn ich informiere mich noch. Ich bin kein Fan von unrecherchierter Argumentation. Ich belege meinen Punkt gern.

Mein einziger Kommentar: Meiner Meinung nach gibt es in einer pluralistischen Gesellschaft immer wieder Strömungen, die gegen irgendwas sind. Bestimmt auch Strömungen gegen Juden. Bei einer solchen Anzahl an Meinungen wird jede einmal vertreten sein. Aber Juden sind davon nicht schlimmer betroffen als andere. Friedensschluss mit dem Islam ist keine Kriegserklärung an das Judentum; solange einer der beiden Parteien so denkt, wird es nie Frieden geben, und das ist das, was nach Bibel das Reich Gottes definiert. Solange Juden nicht aufhören, sich als ewige Opfer darzustellen, sich auszugrenzen und ihre elitäre Gesellschaft zu bilden, so lange werden die Deutschen, die ihnen hier Heim und Akzeptanz bieten, berechtigt Skepsis gegen sie hegen!
Ich bitte, meine Aussage nicht auf alle Juden zu übertragen. Gott sei Dank sind die meisten doch vernünftig, ich spreche von denen, die sich tatsächlich ausgrenzen.
Das Ziel, das in Deutschland angestrebt werden sollte, ist nicht, die Juden in einen unberührbaren Status zu bringen, sondern in Frieden mit Deutschen. Und das kann nicht passieren, solange sie durch eine Mauer von denen getrennt sind. Egal, welche von beiden Seiten sie baut!

Ich schließe. Zu viele Gedanken auf zu wenig Artikel. Vielleicht werde ich mich später differenzierter fassen. Ich möchte, dass man hieraus einen Punkt mitnimmt, und dass ist ungeachtet allen anderen der wichtigste Punkt:

Wir glauben alle an denselben Gott, Einzelne mehr, Einzelne weniger. Die Religionen fassen diesen Gott teils verschieden auf. Es gibt zwischen uns allen Differenzen, die wir austragen. Aber es ist möglich, dass wir dennoch in Frieden mit einander übereinkommen. Das sei mein naiver Glaube.

Rebekka, David und Diccon